Zwischen Resilienz und Resignation

Ob ich mich hin und wieder frage wie unser Leben verlaufen wäre hätten wir in verschiedenen Situationen anders reagiert? Jeden einzelnen Tag! Jeden verdammten Tag im Jahr!

Mit den Kindern, die in der Stadt aufgewachsen sind, dort all ihre Freund*innen hatten, aus finanziellen Gründen mitten aufs Land zu ziehen, aufs tiefste Land, sie aus ihrer gewohnten Umgebung rausreissen weil die Miete nicht mehr stemmbar war – heute würde ich es vermeiden. Und mich nicht mehr bei all den Stellen bei denen wir um Hilfe bei der Suche nach Lösungen gefragt hatten, abwimmeln lassen. Heute würde ich laut sein und mich dagegen stemmen bis etwas leistbares in der Umgebung gefunden wäre. Damals ließ ich das zu. Dachte, gut, ok, viele ziehen aufs Land, das schaffen wir auch. Was für ein Trugschluß. Als Armutsbetroffene in ein Dorf voller Familien zu ziehen, die es quasi geschafft hatten, die in ihren schicken Einfamilienhäusern lebten, dort eine feuchte, fast nicht heizbare Mietwohnung zu beziehen, hat meiner Familie den Stempel der sichtbaren Armut aufgedrückt. So lebt man doch nur wenn man nicht fleißig genug ist, oder nicht mit Geld umgehen kann – das wurde nicht nur hinter unserem Rücken geredet sondern direkt vor uns. Wie schwer es den Kindern fiel dort Freundschaften zu knüpfen könnt ihr euch vorstellen. Das nagt bis heute an ihnen. Ausgelacht zu werden weil man kein neues, tolles Auto hat sondern eine alte Rostlaube, weil man als 6köpfige Familie nur ein viel zu kleines Auto hat und nicht mal gemeinsam wo hinfahren kann während bei allen dort 2 Autos der Standard waren. Ausgeschlossen werden weil an den Wochenenden kein Kinobesuch leistbar war während die anderen aus dem Dorf sich immer wieder dafür verabredeten. Bis heute fällt es meine Kids schwer Freundschaften zu haben, zu groß ist die Verunsicherung.

Aber es kommt doch nicht auf Äußerlichkeiten an bekomm ich immer wieder zu hören. Sollte es nicht. Ist aber leider so. Unsere Gesellschaft lebt davon auf Äußerlichkeiten zu achten. Ich hätte damals bei der Wohnungssuche nicht so schnell resignieren sollen und versuchen die Kinder in ihrem gewohnten Umfeld aufwachsen zu lassen. Hätte. Hab ich nicht. Daran werd ich jeden einzelnen Tag erinnert!


Während früher in unserer Stadtwohnung ein tägliches Kommen und Gehen war, es keinen Tag ohne Besuche von Freund*innen, Nachbar*innen und deren Kinder gab, hat sich das am Land auf Null reduziert. Dieses Gefühl immer von oben herab betrachtet zu werden – damit konnte ich nicht umgehen. Dazu kam immer öfter und immer stärker Beschämungen zu erfahren. Sei es durchs Umfeld, wenn du bei Ausflügen absagen musst weil das Geld dafür fehlt, weil du bei Gartengrillereien nicht mitmachen kannst weil jeder mti einkaufen muss und dein Wochenbudget das nicht hergibt. Sei es durch Behörden (warum arbeitet ihr Mann auch als freier Dienstnehmer, selbst schuld, er soll sich was anderes suchen, dann haben Sie Chance auf Zuschüsse – ja ,sehr toll auch wenn dein Mann nach zwei Burnouts ohne großartige Therapien, weil der Selbstbehalt nicht leistbar war, froh ist überhaupt noch arbeiten zu können. Wenn dir dann gesagt wird er soll sich doch arbeitslos melden, du erklärst dass ihn Arbeitslosigkeit endgültigt ruinieren würde, und die Antwort ist: dann wollt ihr keine Lösungen sondern bewusst weiter jammern). Oder sei es dass du eine Arbeit annimmst, die nicht angemeldet ist. Weil dein Vermieter weiß dass du in Armut lebst, dass du Rückstände bei der Betriebskostennachzahlung hast, und dich vor die Wahl stellt entweder du hilfst bei ihm im Haushalt oder er kündigt euch die Wohnung. Weil er weiß dass es in der Umgebung keinen Job gibt der mit den Kigazeiten vereinbar ist. Und du also unangemeldet für ihn arbeitest, dir sexistische Witze anhören darfst, deinen Rest an Würde verlierst, nur um die Wohnung nicht zu verlieren.

Wozu das alles geführt hat? Rückzug. Vermeiden Menschen zu begegnen. Vermeiden mit anderen reden zu müssen. Angst, wieder rechtfertigen zu müssen. Verlust des letzten Funken Selbstwerts. Verfolgt mich das bis heute? Jeden verdammten Tag. Würde es mir heute nochmal passieren? Nein. Warum? Weil es heute Menschen gibt die mir zuhören, die mir sagen würden hey, das ist nicht in Ordnung, das läuft gewaltig schief und dagegen kannst du dich wehren. Weil ich heute Kontakte habe die helfen würden mich zu wehren. All das hatte ich nicht. Was hilft es dir zu wissen dass du gegen vieles angehen könntest wenn du Angst hast, aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen die Kündigung der Wohnung bekommst. WAs hilft es dir in dem Moment solange du keine Chance auf Alternativen hast? Kontakte und viel Wissen haben damals gefehlt.

Damals hat die Resignation über mich bestimmt. Es war dann eine beschämende, erniedrigende Aussage, noch dazu vor meinen Kindern, die aus purer Resignation Wut gemacht hat. Und den Weg in die Öffentlichkeit. Und den Beginn des Weges raus aus der Isolation, der Beschämung, der Beginn eine Resilienz zu entwickeln. Oft höre ich heute ich hätte halt anders reagieren sollen, mich mehr wehren. Genau das bekommen viele Betroffene zu hören. Wer nie wirklich in diesen Situationen war, wer immer ein Umfeld hatte, Kontakte die helfen, stärken und aufbauen, kann nicht nachempfinden dass dieses sich wehren einfach nicht mehr möglich ist. Es wäre so wichtig. Doch es geht nur wenn man nicht alleine ist.

Armut zu verhindern bedeutet nicht nur die finanzielle Seite zu betrachten sondern so vieles mitdenken. Es reicht nicht sich hinzustellen und sagen Betroffenen bekommen nun xy als Zuschuss fürs heizen. So werden wir Armut nie nachhaltig bekämpfen. Sie ist so viel mehr, sie ist zwar strukturell bedingt doch individuell so verschieden. Und genau darauf müssen wir eingehen wenn wir Armut verringern wollen. Nicht „was könnten Betroffene leisten um der Armut zu entkommen, welche Zumutbarkeitsbestimmungen könnte man verschärfen, welche Kürzungen würden Anreize schaffen“ hilft, sondern: was braucht es um Betroffenen Perspektiven zeigen zu können! Denn solange Armut dich in die Enge treibt, dir jegliche Wahlmöglichkeiten nimmt, dir Angst macht, dich resignieren lässt, zeigt dass wir Armut nur oberflächlich behandeln. Denn eins gilt nach wie vor: wagst du es als Armutsbetroffene zu irgendeinem Ratschlag, der noch so unmöglich ist, oder zu Hilfe, die übergriffig ist, nein zu sagen hat das Konsequenzen für dich. Denn dann willst du doch keine Lösung finden! Würde zu behalten wird uns nur selten zugestanden. Und das lässt viele Betroffene resignieren. Das muss endlich aufhören!


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