Etwas mehr Biss bitte…

Armutsbetroffenen wird oft hinter vorgehaltener Hand vorgeworfen sie hätten zu wenig Biss, würden nicht genug Motivation zeigen. Ausgerechnet sie, die doch jede Anstrengung unternehmen müssten um endlich den Weg aus dem Leben am untersten Limit finden zu können, zeigen anscheinend nicht die gewünschte Power, denken zu wenig längerfristig, stecken zu wenig Energie in die Ideenfindung.

Doch was braucht es eigentlich um Dinge mit voller Motivation, mit Power, mit aller Anstrengung angehen zu können? Genau: es braucht Kraft, Und es braucht die Perspektive, man muss den Sinn dahinter sehen können. Doch wenn dein Leben tagein tagaus auf den reinen Existenzkampf ausgelegt ist, darauf, wie du die nächste Woche überstehst, daraus, Herzrasen zu bekommen beim Weg zum Postkasten – wie sollst du dann Kraft tanken? Wie sollst du Perspektiven finden, positiv denken und nicht resignieren wenn dein Leben aus einer Anhäufung von Stresssituationen ohne erwähnenswerte Momente der Entspannung, der Belohnung auf die man sich freuen könnte, besteht. Denn genau das braucht der Mensch um ständig neue Herausforderungen zu bewältigen – Belohnungen.

Spricht man das Thema an kommen sehr schnell Antworten und Ratschläge es gäbe genügend kostenlose Dinge zur Erholung. Spaziergänge im Wald, Kinderspielplätze, kostenlose Seen, Bücher aus der Bibliothek. Sei doch alles viel besser als die kostenintensiven Möglichkeiten! Dann frag ich mich aber weshalb es so viele Menschen in Anspruch nehmen. Sich einschränken zu müssen ist allen bewusst die aus den unterschiedlichsten Gründen in Armut geraten. Doch was zusätzlich belastet ist wenn dir abgesprochen wird, etwas Aufbauendes oder Erholendes zu vermissen. Du musst positiv denken, Existenzängste wegstecken, Perspektiven erkennen, darfst keinesfalls resignieren oder gar Depressionen bekommen. Denn dann ist es schon wieder mal deine alleinige Schuld. Du hast dich zu wenig bemüht!

Corona hätte uns eigentlich gut aufgezeigt wie belastend es ist, die Teilhabe einzuschränken oder keine sozialen Kontakte zu haben, wie sehr es die eigenen Grenzen der Belastbarkeit eingrenzt wenn dir die Möglichkeit fehlt, dich so zu verhalten und bewegen wie du es möchtest. Eingeschränkt zu werden hat in den letzten beiden Jahren vielen Menschen massiv zugesetzt. Keine Urlaube oder Thermenaufenthalte zur Entspannung, keine Treffen in Bars oder Cafés zum plaudern, keine Veranstaltungen. Dieses Gefühl des eingeschränkt seins und nicht genau wissen wann es endet hat alle ans Limit gebracht. Der große Unterschied: für alle Nichtbetroffenen endet es spätestens mit dem Ende der Pandemie. Für uns ändert sich selbst dann nichts, das Leben geht genauso weiter wie in den letzten beiden Jahren. Mit dem Unterschied – wir dürfen uns nicht darüber beklage, denn Dinge wie regelmäßige Auszeiten und Treffen oder Veranstaltungen seien doch nicht wichtig. Merkt ihr selbst wie anstrengend diese Doppelmoral ist?

Wir lassen es heute immer noch zu dass mit zweierlei Maßstäben bewertet wird. Obwohl längst bekannt ist dass Armut strukturell bedingt ist dürfen wir keine dieser „Belohnungen“ oder Auszeiten fordern, müssen motiviert sein, Perspektiven sehen und 100% geben. Das alles ohne wirklich Kraft tanken zu können. Maximal bei kostenlosen Tätigkeiten, mehr wird uns nicht zugestanden. Mir hat dieses nicht erholen können die Gesundheit ruiniert. Mein Adrenalinspiegel war dauerhaft erhöht und ich kann bis heute nicht einen Tag lang nichts tun. Denn „es steht mir nicht zu“. Ich habe es verinnerlicht immer alles geben zu müssen ohne das Recht auf Auszeiten zu haben, beantworte Nachrichten und Mails von morgens bis spätabends, von Montag bis Sonntag. Schreibe, recherchiere, organisiere und plane 7 Tage die Woche. Alles andere würde nur wieder zeigen ich hätte mich nicht genug angestrengt. Ein Treffen in einem Café ist maximal drin wenn es gleichzeitig um die Arbeit geht. Sonst nicht. Mir Auszeiten und Belohnungen zugestehen muss ich erst wieder lernen. Und es hat mich nicht erst einmal an den Rand der Belastbarkeit gebracht. So sollte es nicht sein! Mein einziges Glück ist eine Resilienz entwickelt zu haben während zu viele irgendwannn resignieren. Auf Dauer alles geben zu müssen ohne dem Gehirn Belohnungen gönnen zu können funktioniert nicht.

Wenn ihr das nächste Mal Betroffene danach bewertet sie seien nicht motiviert genug, hätten zu wenig Biss, überlegt euch bitte ob sie überhaupt noch die Kraft dazu haben.

Wer meine Arbeit gut und wichtig findet, kann dies gerne unterstützen:

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