Wir sind Menschen. Mit einer Vergangenheit

Triggerwarnung: Kindesmisshandlung, häusliche Gewalt, Vergewaltigung

Den nachfolgenden Text hat die wundervolle @nisfantastic geschrieben, die sich seit einiger Zeit auch auf Twitter stark gegen Vorurteile, Beschämungen, Klassismus und vor allem für Aufklärung einsetzt (folgt ihr um Armut aus der alltäglichen Perspektive mit allen Hürden zu sehen). Ich kann euch gar nicht sagen wie groß mein Respekt vor ihr und allen anderen, die noch folgen werden, ist. Die eigene Geschichte zu erzählen erfordert in einer Welt, die sich nur ungern mit den Hintergründen und Dynamiken von Armut beschäftigt sondern den einfachen Weg vorzieht, den der Vorurteile und „selbst schuld“ Mentalität, immens viel Mut. Danke dir, danke euch allen jetzt schon dafür! Armut beschämungsfrei diskutieren, das ist das Ziel. Eure Frau Sonnenschein!

Seit wann und warum kenne ich Armut?

Als ich zusagte, über meine Erfahrungen zu diesem Thema zu schreiben, schien mir die Beantwortung der Fragen ziemlich einfach und klar. Als ich begann, meine Geschichte aufzuschreiben, war es das aber ganz und gar nicht mehr. Gerade brüte ich über der x-ten Version dieses Textes und überlege immer noch, wie ich euch meine Welt, meinen Weg in die Armut, nahebringe.

Das Problem an Armut und ihren „Gründen“ ist: Damit könnte man Seiten füllen. Ich könnte das – und ich bin mir sicher, viele andere Menschen in Armut auch. Und dabei würde es sehr privat.
Wie viel von mir möchte ich also preisgeben, um euch meinen Weg in die Armut näherzubringen? In wieweit möchte ich vulnerabel sein, um für mich, aber auch für so viele andere Betroffene, gegen Stigmatisierung und Beschämung zu kämpfen?

Fangen wir also mit der vermeintlich leichteren Frage an: Seit wann kenne ich Armut?

Ich schreibe vermeintlich einfacher, weil das im Nachhinein doch gar nicht so klar ist. Trotz langer Überlegung verschwimmen die Grenzen ein wenig, weil es seit meiner frühesten Kindheit immer wieder phasenweise Armut abgewechselt mit einem sehr hohen MittelstandsLeben gab. Tatsächlich waren diese Phasen davon abhängig, ob meine Mutter gerade alleinerziehend oder in einer Partnerschaft war.

Rückblickend hatte ich wohl Glück, dass der Rest der Familie, also Omas und Opas, auch in finanziell sehr schwierigen Abschnitten dafür gesorgt haben, dass zumindest ich von der Armut meiner Mutter wenig bemerkte, und es höchstens im direkten Vergleich mit den Wohn- und Lebensumständen von Mitschüler*innen auf dem Gymnasium ein wenig einzuschätzen wusste. Das war es aber auch. Ich konnte es einschätzen, spürte aber dennoch kein Leid.

Der Leidensdruck kam erst, als ich vor über 10 Jahren selbst in Armut rutschte.

Für meinen persönlichen Fall ist zu sagen: Es gibt nicht den einen Grund, warum ich mit meiner Familie in Armut lebe. Am Ende ist es eine Aufsummierung verschiedenster Faktoren. Dinge, die schon in frühster Kindheit Grundsteine dorthin legten, wo ich heute stehe.

Für meine Situation stimmt bereits der Fakt, dass es im Leben auch auf das Elternhaus ankommt. Ich bin weder in rosige Verhältnisse geboren worden, noch bin ich mit beiden Elternteilen aufgewachsen. Meine Mutter war alleinerziehend – was schon immer ein Armutsrisiko für Frauen darstellte. Heute wie auch vor 30 Jahren. Zudem stamme ich aus einem reinen Arbeitermilieu. Großeltern, Erzeuger – alles keine Akademiker. Meine Mutter selbst gar ohne Schulabschluss und ungelernt.

Nach der Scheidung meiner Eltern, drei Jahre nach meiner Geburt, lebte ich folglich bei meiner Mutter. Mein Erzeuger hingegen zahlte weder Unterhalt für mich, noch gab es bis heute nennenswerten Kontakt außerhalb von anwaltlichen Schreiben zu ihm. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Meine Mutter hatte ab da wechselnde Beziehungen zu Männern. Toxischen Männern. Suchtkranken Männern. Gewalttätigen Männern. Überall ich mittendrin. Meine Kindheit war geprägt davon zuzusehen, wie meiner Mutter Gewalt angetan wurde. Zwischendrin ein Aufenthalt im Frauenhaus, weil die Gefährdung so akut war, und von dort direkt in die nächste toxische Beziehung, in der die Gewalt nur mehr eskalierte, lebensbedrohliche Maße annahm und ein Auszug aus der gemeinsamen Wohnung nur noch unter Polizeischutz möglich war.

Aber damit endete die Gewalt nicht. Meine Mutter hatte bereits im Frauenhaus damit angefangen, ebenfalls Gewalt auszuüben, sie weiterzugeben an mich. Sowohl mit Fäusten als auch mit Worten. Ich war 7 Jahre alt und die Hälfte meines Lebens hatte ich bereits nichts anderes als Gewalt kennengelernt. Die nächsten 10 Jahre sollte sich das auch nicht ändern.

Trotz allem schaffte ich es als erstes Kind in der Familie auf ein Gymnasium. Mein Grundschulzeugnis bestand nur aus Einsen, beim Kinder- und Jugendpsychiater wurde eine Hochbegabung festgestellt. Damals in einem Bereich, bei dem man meiner Mutter empfahl, mich auf ein Internat zu schicken. Unnötig zu sagen, dass das natürlich nicht passierte.

Die ersten Jahre auf dem Gymnasium liefen gut. Ich kam mit dem Stoff klar, hatte einen stabilen Freundeskreis. Wäre die Situation zu Hause nicht gewesen, die am Ende dafür sorgte, dass ich ziemlich passend zum Einsetzen der Pubertät auch meine ersten Depressionen bekam, die natürlich komplett von meiner Mutter ignoriert wurden.
Meine Schulnoten sackten mit jedem Halbjahr ab, bis ich selbst in meinem ehemals besten Fach – Mathematik – von einer Eins noch in Klasse Sechs auf eine Fünf im ersten Halbjahr der achten Klasse rutschte. Zusätzlich begann ich, mich selbst zu verletzen. Schwänzte die Schule, während meine Mutter arbeiten war, saß tagelang bei lauter Musik im dunklen Kleiderschrank, um mich vor der Welt zu verstecken. Ich war so verzweifelt, aber konnte das nach außen nur über oppositionelles Verhalten zeigen. Ich geriet mit Lehrer*innen aneinander, war das Paradebeispiel einer schwer erziehbaren, rebellischen Teenagerin. Bemitleidet wurde jedoch meine Mutter. Dafür, dass sie sich mit mir rumschlagen musste.

Nach einer Ehrenrunde in der 9. Klasse verließ ich schließlich das Gymnasium und besuchte die 10. Klasse auf der Realschule. In dieser Zeit stürzte ich noch weiter ab.
Mit 16 flüchtete ich mich auf der Suche nach Liebe selbst erstmals in eine toxische Partnerschaft – anderes hatte ich ja nie vorgelebt bekommen – zu einem sechs Jahre älteren Mann, der mich in der Beziehung vergewaltigte, würgte, schlug, hinterging und betrog. Ich musste auch die 10. Klasse nochmals wiederholen. Rauchte, trank, trennte mich mit 18 endlich von meinem Freund, stürzte mich in die nächste Beziehung, betrog meinen Freund, hatte unzählige One-Night-Stands, soff mich an den Wochenenden und teilweise auch in der Woche besinnungslos.
Meinen Abschluss schaffte ich dieses Mal, eine Ausbildung hatte ich aber nicht. Meine Mutter brachte mich irgendwie auf einer Höheren Handelsschule unter, auf der ich tatsächlich ganz akzeptable Noten in der 11. Klasse schrieb und nach Klasse 12 mein Fachabitur hätte machen können.

Aber auch hier hatte das Leben andere Pläne. Meine Mutter zwang mich zu einer Bewerbung für eine Ausbildung in ihrem Betrieb, damit ich „endlich“ arbeitete und auch Geld dazu verdiente. Am Ende verließ ich die Handelsschule also mit einem guten Zeugnis aus der 11. Klasse, aber ohne Abschluss, um eine Ausbildung zu machen, die ich nie wollte.

3 Monate später brach meine Kindheit und Jugend über mir zusammen.

Ich war gerade 20, als die erste Panikattacke kam. Ich war 20, als meine Mutter beschloss mich nochmal zu entwurzeln und mit mir 50km weit von meinem Zuhause wegzuziehen. Ich war 20, als meine Mutter sich mit den Möbeln für den neuen Wohnort übernahm und ich die kompletten Umzugskosten von meinem Ausbildungsgehalt und etwas Erspartem tragen musste. Ich war 20, als meine Mutter auf meine Kosten Schulden machte.

Ich war 21, als ich akut in die Psychiatrie eingewiesen werden musste und als ich die Schulden tilgen wollte, erfuhr, dass sämtliche Sparkonten, die ich mit 21 erhalten sollte, von meiner Mutter im Vorfeld geplündert worden waren.

Ich war 22 als ich meine Ausbildung mit Hängen und Würgen und viel zu vielen Fehlzeiten und Abmahnungen abschloss. Ich war 22, als ich selbst in Armut geriet.

Anfangs hatte ich noch große Hoffnungen. Ich zog mit meinem damaligen Freund zusammen – zurück in meine alte Heimat. Schrieb Bewerbungen, obwohl es mir psychisch noch immer nicht gut ging. Ich versuchte alles, um mein Leben jetzt ohne meine Mutter auf die Reihe zu bekommen. Aber keine Bewerbung trug Früchte. Es kamen nur Absagen und schließlich lief der ALG1-Bezug aus. HartzIV erhielt ich allerdings erstmal nicht, weil mein Freund zu viel verdiente.

Neben den Schulden meiner Mutter kamen zu diesem Zeitpunkt Bankschulden hinzu (ich war noch immer im Dispo, weil ich vor Jahren ja den Umzug hatte zahlen müssen) und mein damaliger Freund sah nicht ein, meine Krankenkassenbeiträge zu zahlen. Auch hier häuften sich dadurch Schulden an, die letztlich dazu führten, dass ich von 2011 bis 2017 keinen Versicherungsschutz hatte und nur in Notfällen Kosten von der Krankenkasse übernommen wurden.

Am Ende war es mein damaliger Partner leid mich durchzufüttern, weshalb er die Beziehung beendete und mich aus der gemeinsamen Wohnung warf. Zu meiner Mutter konnte und wollte ich nicht, mit meiner Oma verhielt es sich ähnlich. Ich hatte zu dem Zeitpunkt ohnehin kaum Kontakt zu meiner Familie – aus offensichtlichen Gründen.
Ich schlief also auf Sofas der wenigen Freunde, die ich damals noch hatte, und landete schließlich erneut in der Psychiatrie. Wieder akut. Wieder am Ende aller Kräfte. Und wieder mit Panikattacken.

Letztlich lernte ich dort meinen Mann kennen, mit dem ich dieses Jahr 10-jähriges Jubiläum feiere, davon sind wir 6 Jahre verheiratet. Mit dem ich einen wundervollen Sohn habe. So tief ich damals auch in der Scheiße steckte, ging es seitdem zumindest etwas bergauf.

Ich habe immer noch Depressionen. Mittlerweile weiß ich, dass sie chronisch rezidivierend sind und ich sie wohl nie ganz loswerde. Ich weiß auch, dass ich eine kPTBS aufgrund all der erlebten Dinge aus meiner Kindheit habe, eine soziale Phobie, eine Angst- und Panikstörung und noch einen ganzen Rattenschwanz an kleineren und größeren psychischen wie physischen Problemen.

Heute weiß ich aber auch, dass nicht ich Schuld an meiner Armut bin, sondern dass ich eine typische Biografie für eine hohe Armutsgefährdung mitbringe. Dass ich an mir arbeite, schon viele Therapien gemacht habe und auch gerade wieder aktiv auf der Suche nach Hilfe bin. Dass ich mein Leben lang mit meiner Psyche zu tun haben werde, dass ich stetig und ständig werde an mir arbeiten müssen – und das ist okay. Ich bin noch hier, obwohl es oft nicht danach aussah.

Am Ende steht also noch immer die Frage: Warum bin ich in Armut geraten?

Die Antwort ist wohl: Weil ich denkbar schlechte Startvoraussetzungen hatte. Und immer dann, wenn ich Chancen hatte, fehlte eine helfende Hand, eine Person, die mir hätte zeigen können, dass nicht alle Menschen in meinem Umfeld schlecht sind. Es fehlte an Rückhalt und Möglichkeiten. Und heute fehlt es daher an Resilienz, an Selbstwertgefühl, an Vertrauen.
Aber entgegen aller Vorurteile, entgegen jeder Beschämung arbeite ich an mir. Täglich. Ich reflektiere mich und mein Verhalten. Ich erziehe ein Kind und versuche ihm all das mitzugeben, was mir niemand mit auf den Weg gegeben hat – Geborgenheit, Verständnis, Vertrauen, Liebe.

War das hier ein sehr persönlicher Text? – Ja, definitiv.

War er zu persönlich? – Vielleicht.Aber ich glaube, dass wir Armut und ihre Strukturen nicht wirklich begreifen, wenn wir uns nicht auch die Biografien der Menschen ansehen. Die strukturellen Probleme rund um den Arbeitsmarkt, den Niedriglohnsektor, die politischen Entscheidungen kann jeder im Internet finden. Dazu gibt es Texte und Studien in Hülle und Fülle.
Aber vielleicht wird Armut erst wirklich greifbar, erst erfassbar, wenn wir die Menschen dahinter sehen. Nicht die nackten Statistiken, nicht die bloßen Vorurteile, die durch Politik und Medien befeuert werden.
Wir sind mehr als unser Bescheid über Transferleistungsbezug. Wir sind mehr als eine Zahl in Armutsberichten. Wir sind Menschen. Mit einer Vergangenheit. Und wir hätten gern eine Zukunft.


Ar-Mut bezahlt alle Betroffenen für ihre Texte, nennt sich Aufwandsentschädigung und Wertschätzung. Aktuell gibts ein monatliches Budget von 240 Euro, bedeutet ca. 4-5 Texte pro Monat. Wer mithelfen möchte damit mehr Stimmen laut werden:

für einmalige Unterstützungen (einfach „ar-mut“ dazuschreiben) : https://paypal.me/FrauSonnenschein?country.x=AT&locale.x=de_DE

für Abos um planen zu können:

https://steadyhq.com/de/ar-mut/about

https://www.patreon.com/frausonnenschein?fan_landing=true

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