Mit DEM (armutsbetroffenen) Kind spielst du nicht!

Für mich persönlich ein Text der mir sehr nahe geht. Sobald deine Armut sicht- und spürbar ist, wirst du oft gemieden. Als wäre Armut ansteckend. Kinder werden davon abgehalten mit deinen Freundschaften zu knüpfen, denn – „mit denen spielt man nicht“. Weil? Ja weil das Vorurteil überwiegt Betroffene wären faul, wären schlechte Gesellschaft. Einmal in der Umgebung als arm geoutet findest du nur noch schwer Kontakte und wenn dann maximal zu selbst Betroffenen. Teilhabe schaut anders aus. Und weil uns so viele gern erklären Teilhabe müsste ja nix kosten: doch, es kostet das Unsichtbarmachen deiner eigenen Situation. Und ich frage mich ständig: ist das die Gesellschaft in der wir alle leben wollen?

Danke an @Finkulasa für den Text. Danke für deine Kraft das zu schreiben. Danke dir auch fürs immer wieder aufzeigen was Armut macht.

Eure Frau Sonnenschein


Armut erleben

Armut. Für mich früher, ein sehr abstrakter Begriff.

Ich stamme aus einem „gutbürgerlichen Haushalt“, wuchs während meine Eltern arbeiteten bei meiner Oma auf und hatte viele Jahre absolut keine Berührungspunkte mit „Armut“. Zwar befanden sich meine Eltern in der sogenannten Arbeiterklasse, verdienten aber in den 80/90ern relativ gut. Meine Mutter machte mit Mitte 30 noch eine Ausbildung zur Altenpflegerin und verdiente am Ende sogar wesentlich mehr als mein Vater. Kirchlicher Träger, übertariflich vergütet. Ich war, trotz Schwester, ein verzogenes, behütetes Einzelkind. Das einzige was mich wirklich negativ prägte war der Druck meines Vaters. Ich MUSSTE besser als meine Schwester sein. Ich MUSSTE Abi machen und studieren. Ich gebe zu, seitdem habe ich Probleme Dinge zu beenden. In mir regt sich dann absolute Versagensangst und … nun ja, dazu komme ich noch.

Meine 9 Jahre ältere Schwester fiel in die Arbeitslosigkeit. Mit Kind und alkoholkrankem Mann. Meine erste bewusste Erfahrung mit Armut. Mein junges, naives Denken? „Soll sich halt was suchen, Jobs gibt’s genug“.

Heute weiß ich, dass sie sich in einer toxischen Ehe befindet (ja, leider immer noch) und damals zutiefst depressiv war. Sie hatte gar keine Kraft um an allen Fronten zu kämpfen und leider auch keine Unterstützung seitens des Vaters. 

Aber MIR konnte sowas nicht passieren, eher ginge ich putzen. Nach abgebrochener Krankenpflegeausbildung (Mobbing. Ich neigte schon immer dazu, zu direkt zu sein und wagte mich, bei der Stationsleitung Beschwerde gg die Ansprüche während der Übergabe einzulegen, welche leider von ihrer privat besten Freundin kamen. Danach wurde mir das Leben zur Hölle gemacht.) ging ich nochmal zur Schule. Wirtschaftsgymnasium. Ziel: Abitur.

In meiner verblendeten Partyzeit, musste auch Geld ran, daher jobbte ich nebenbei in einer Spielhalle, um meine Kaufsucht zu bedienen. 200€ für eine Jeans? Klar, warum nicht.

Dummerweise schlug kurz vor Abi mein Fluchtmechanismus zu. Die dämlichste Entscheidung meines Lebens. 3 Monate vor Prüfung, ging ich mit dem schriftlichen Teil des Fachabis ab und jobbte Vollzeit. Viel Geld für eine in „Hotel Mama“ lebende junge Frau.

Mit fast 25 zog ich endlich aus und begegnete online dann meinem späteren Mann, der am anderen Ende Deutschlands lebte. Ich wollte ja was vom Land sehen und war ja jung. Ausbildung konnte ich immer noch machen, dann hätte ich die volle Fachhochschulreife. Also zog ich weg. Und wurde schwanger.

Es kamen nicht nur 40 kg dazu, sondern plötzlich auch das Bewusstsein „Omg was mache ich denn jetzt?“.

Innerlich war mir klar, dass es nie so werden würde wie erhofft. Glaube ich heute. Arbeit hielt er nie lange, immer waren andere Schuld. Pc war wichtiger als alles andere, selbst als ich auf ihn einging und selbst gar nicht mehr spielte änderte sich nichts. Da war schon K2 da und wir mittendrin in der Abwärtsspirale.

Ich wurde mit der Tatsache konfrontiert, dass Freundschaften zerbrachen, konnte ich doch nicht mehr mithalten. Weder war das „Essen gehen“, noch Ausgehen an sich in unserem Budget verfügbar.

Ich fristete 7 Jahre in dieser Ehe, die liebloser kaum sein konnte. Natürlich schön verpackt in „Liebe“, damit nur keiner auf die Idee kommt, er sei kein „lieber Kerl“

Zuverlässigkeit, Verantwortung…waren Fremdwörter. Und so schlitterte ich tiefer und tiefer in die schlimmste Depression meines Lebens. Von mir  war am Ende kaum noch etwas übrig. Die jahrelangen Existenzängste, die Einsamkeit, die alleinige Verantwortung. Alles zu viel. Als ich nicht mehr leben wollte, beendete ich meine Ehe.

Und ganz langsam kam das Bewusstsein für meine Situation. Über weitere Jahre, aber es kam.

Kinderbetreuung: ist nicht überall gegeben. Ich hatte von 7-11:45. Nicht mal zum Putzen fand ich einen Job. Da e keinerlei Verantwortung übernahm, stand ich doof da und meine Mutter war berufstätig.

Hilfe des JC: über die Jahre hinweg bekam ich kaum Hilfe. Im Gegenteil. Eine Umschulung kam nicht in Betracht, ich solle jobben. Heizkosten wurden unzählige Male nicht pünktlich übernommen, wodurch wir mitunter Wochen im Winter mit Sperrholz heizten(im Haus gab es nur Holzöfen), wenn überhaupt. Gelder wurden gestrichen, weil das JC nicht in der Lage war die postularische Adresse anzugeben, da diese nicht in deren Kreis lag, das Dorf aber schon( es war nur für die Post effizienter über den anderen Kreis zu „liefern“) und wir somit häufig keine Post bekamen.

Mobilität: nur mit Hilfe meiner Mutter konnte ich wenigstens unser Auto halten. Als mein damaliger Mann dann eine Ausbildung bekam, musste ich fahren. War zwar anders vereinbart, aber ich war viel zu tief in diese toxischen Erpressungen verstrickt um das zu erkennen, also fuhr ich. Mit 2 Kindern, morgens um halb 6. Öffis gab, und gibt es dort nicht.

Umfeld: Asozial. Faul. „Mit DEM Kind spielst du nicht“

Ja, auch meine Kinder bekamen es ab. Die Hoffnung Kontakte im Kindergarten zu knüpfen, verschwand zusehends, denn wir hatten den Stempel H4 in neon roten Leuchtbuchstaben auf dem Kopf stehen! Als wäre man aussätzig. Ansteckend. Ausgrenzung pur. Dementsprechend nahm ich immer seltener an Kita Organisationen teil. Ich stand eh immer alleine herum. Mein Mann beteiligte sich da sowieso nicht. Ich war komplett alleine, trotz Ehe. So fühlte es sich an. Im Nachhinein wurde mir auch berichtet, dass dies durchaus auch das Zutragen meines Mannes war, der mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit schlecht machte, immer unter dem Deckmantel des „Humores“.

Bedürfnisse:

Darf man nicht haben. So kurz und so wahr. Als K1 eingeschult wurde gab es 100 euro an Schulbedarf. Die Bücher beliefen sich auf rund 200 und der Torni auf 250€, denn ja, Armut sollte nicht bedeuten, dass man dem Kind einen minderwertigen Tornister kaufen muss, schließlich soll es den 4 Jahre auf dem kleinen Rücken tragen! Und Lernmittelfreiheit besteht nicht überall, zudem gibt es dazu Fristen, von welchen man nichts weiß, wenn man die Unterlagen zu spät bekommt. Die Dorfschule bestand zudem auf „bestimmte“ Stifte usw usf. Da war unsere Hochzeit billiger-.- Friseur? Ein Mal in 7 Jahren und ein Mal nach Trennung. Ich war seit 2006 nicht mehr „richtig“ beim Friseur, die beiden Male war es „nur“ Schnitt, der Rest wurde von meiner Schwester erledigt. Kleidung. Sack und Asche von Kik. Sowieso als Dicke lange die einzige Option und als arme Dicke leider immernoch! Unternehmungen. Wurde meist von meiner Mutter übernommen, sonst hätten wir uns die Zoobesuche nie leisten können.

Armut macht arm. Nicht nur finanziell. Es wird zum Mangel an allem. Ständiger Stress begleitet einen, setzt einem zu. Natürlich könnte ich das schön reden und erklären wie toll man doch sparen lernen kann, aber hier geht es um reale Schicksale und lügen liegt mir nicht.

Denn es ist nicht toll. Es ist keine „soziale Hängematte“. Es ist purer Stress, tagein,tagaus, 24/7. Schlafstörungen Angstzustände, Panikattacken. Alles stete Begleiter von Vielen. Auch von mir. Die Panik davor, dass ein Haushaltsgerät kaputt geht, ein Kind teure Wünsche hat, eine Rechnung nicht bezajlt werden kann… allgegenwärtig!

Einkauf nur mit Liste, mit Nachdenken, mit Taschenrechner im Kopf. Essen gehen/bestellen, nur mit  „gibt’s dafür ne Woche Nudeln mit Soße oder Ei“ machbar. Sparen, sparen, sparen…um am Ende doch keine Rücklagen schaffen zu können. Verschuldet noch aus Ehe. Existensangst, nein, Panik! Tag um Tag!

Das ist Faulheit? Das ist „die Füße hochlegen“? Jeder der so denkt, darf gerne mal einen Monat in meinen Schuhen gehen! Ich erhalte mir einen Alltag. Krampfhaft. Um nur nicht noch tiefer in die Depression zu rutschen. Setze mich regelrecht unter Druck was zu schaffen, damit ich nicht einbreche. Doch es wird schwieriger. So unfassbar viel schwieriger, je länger man durchzuhalten versucht.

Heute bin ich krank. An Körper und Geist. Die Hoffnung ist noch da, doch sie schwindet.

Und vor dem Tag an dem sie ganz weg ist, habe ich mehr Angst, als vor allem anderen.

Auch das ist Armut..


Ar-Mut bezahlt alle Betroffenen für ihre Texte, nennt sich Aufwandsentschädigung und Wertschätzung. Aktuell gibts ein monatliches Budget von 240 Euro, bedeutet ca. 4-5 Texte pro Monat. Wer mithelfen möchte damit mehr Stimmen laut werden:

für einmalige Unterstützungen (einfach „ar-mut“ dazuschreiben) : https://paypal.me/FrauSonnenschein?country.x=AT&locale.x=de_DE

für Abos um planen zu können:

https://steadyhq.com/de/ar-mut/about

https://www.patreon.com/frausonnenschein?fan_landing=true

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