Einmal Altersarmut bitte!

Vor einiger Zeit habe ich mich mit Anita in einem kleinen Café getroffen. Eine dreifache Mama, 41, mit einem Teilzeitjob und einer geringfügigen Stelle. Sie hatte sich ihr Leben gänzlich anders vorgestellt. Ihre Geschichte steht für so viele die ich zu hören und lesen bekomme. Vor allem Frauen sind noch immer massiv gefährdet in Armut bzw. in Altersarmut zu leben. Und das hat definitiv nicht mit „fehlenden Anreizen“ oder „zu wenig Fleiß“ zu tun. Aber lest selbst was sie erzählt hat…

Eure Frau Sonnenschein


So wie heute im Café zu sitzen und mit dir einen Cappuccino zu trinken wird für mich die Ausnahme bleiben, denn Altersarmut ist bei mir vorprogrammiert, hab sie sozusagen bestellt wie diesen Kaffee. Ich bin 41, habe zwei prekäre Jobs und bin ständig auf der Suche nach mehr. Erfolglos. Mit drei Kindern ist die Realität aber nun mal so dass selten mehr drin ist. Bei den Frauen zumindest die keine Großeltern haben die sich bei der Kinderbetreuung beteiligen.

Hätte ich mir das früher träumen lassen? Nein. Aber wahrscheinlich war ich auch zu naiv. Beim ersten Kind fand ich schnell wieder zurück ins Arbeitsleben. Vollzeit in einem kleinen Unternehmen und trotz Kinderkrippenkind eine Führungsposition. Ich lebte meinen Traum. War doch einfach, Kind und Karriere und einen Hut zu bringen. Geht beides. Damals hatte ich eine Stadtwohnung, ein tolles soziales Umfeld, kein Problem, falls Überstunden nötig waren. 

Ich war jung, dumm und überheblich. Und dann hab ich geheiratet. Sozusagen eine „richtige“ Familie gegründet, wie es mir vom Umfeld ständig nahegelegt wurde. Braucht Frau, um endlich eine richtige Frau sein zu dürfen.  Der Mann baute die Firma auf, ich war für den Nachwuchs zuständig. Wir wollten beide eine große Familie. Ist doch wunderschön. Eigene Firma und arbeiten gehen, sobald die Kinder im Kindergarten sind. Sollte doch erfahrungsgemäß kein Problem sein. Kannte ich immerhin aus  eigener Erfahrung. Wird sich schon nicht geändert haben. 

Sicher nicht. 

Doch oft kommt es im Leben so, wie frau sich das nicht erträumt hatte: dein Sohn hat von Geburt an gesundheitliche Probleme. So massiv, dass die ersten Lebensjahre an arbeiten überhaupt nicht zu denken war. Aber gut, die Firma lief und finanziell war es nicht wirklich eng. Also hab ich mich auf das Dasein als Mutter konzentriert. Nebenbei ein wenig gejobbt. Aushilfsjobs, Spielgruppen, Nachhilfe. Die Jahre vergingen, das Kind kam in die Schule, aber immer nur tageweise. Jobsuche? Noch unmöglich. Wird aber bald besser. Redet man sich zumindest ein. 

Mit Sicherheit.

Vor drei Jahren war es dann soweit dass ich beginnen konnte, Bewerbungen zu schreiben. Eine nach der anderen. Ich glaube, es gibt keine Stellenanzeige und Firma in meiner Umgebung, die ich nicht kenne. Vom Büro über Handel bis Tankstelle und Gastgewerbe. Von Teilzeit bis Vollzeit, von freier Dienstnehmerin bis freiberuflich. Eine Mutter mit drei Kindern, die jahrelang zu hause war? Wer nimmt die schon. Die erste Zeit war extremst deprimierend. Absagen, wenn sie denn überhaupt kamen. 

Und kam es ausnahmsweise zu einem Vorstellungsgespräch drehten sich die Fragen nur darum, wie ich mit schulpflichtigen Kindern Job und Familie vereinbaren wolle. Dass die Kinder einen Vater haben war nie Thema. Väter kümmern sich anscheinend nicht um Kinderangelegenheiten. Noch immer nicht. Ist sowas wie ein Fremdwort. „Wie, Ihr Mann übernimmt auch die Kinderbetreuung? Das ist aber sehr löblich“. Die 50er lassen grüßen.

Neben der erfolglosen Jobsuche, die sowieso extrem an deinem Selbstbewusstsein nagt, kommen die Vorbehalte deiner Umgebung. Weil auch die Firma des Mannes durch die Pandemie leidet wird die Schuld gern auf mich übertragen. Manche machen das offen, manche hinter deinem Rücken. „Die will ja gar nicht arbeiten gehen; wieso hat´s auch so viele Kinder bekommen; typisch.. Die lebt doch gut von der Familienbeihilfe“ oder „Wahrscheinlich hat sie soviel Geld ausgegeben und deshalb gehts seiner Firma so schlecht, andere kommen doch auch gut durch die Pandemie“. Frau lernt, damit zu leben. Ignorieren. Ab und an die Versuche, sich zu verteidigen. Aber ehrlich – wofür? Dass ich Kinder großziehe, immer nebenbei gearbeitet habe? Versuche, ihnen die Bildung bieten zu können, die sie am besten fördert. Verteidigen, weil ich als Frau und Mutter mehr stressresistent und multitaskingfähig bin als die meisten der Topmanager dieses Landes? Verteidigen, weil ich Frau bin? 

Ich hab es satt. Satt, mich entschuldigen zu müssen, Mutter zu sein. Satt, mich erklären zu müssen, wie ich die Kinderbetreuung gebacken bekomme. Satt, mir ständig anhören zu müssen, wie wundervoll der Vater ist, weil er seinen Teil der Hausarbeit und Kindererziehung übernimmt, wenn ich die paar Stunden in der Arbeit bin. Wir sind Eltern. Beide. Sollte langsam überall ankommen dass für die Carearbeit nicht nur die Mütter zuständig sein sollten.

Der Altersarmut werde ich nicht mehr entkommen. Ich habe mich jahrelang für die Kinder entschieden. Anfangs freiwillig, danach weil es eben so sein musste. Wäre ich lieber arbeiten gegangen? Natürlich. Konnte ich es ändern? Nein. Werde ich in Zukunft oft den Vorwurf hören, ich sei selbst schuld an meiner Altersarmut? Mit Sicherheit. Will ich mich jedes mal erklären, dass es mit einem beeinträchtigten Kind eben nicht so läuft, wie frau sich das ausgemalt hatte? Nein, ich bin müde. Müde, mich immer wieder erklären zu müssen, so wie tausende andere Mütter in unserem Land auch. Was es auch mit sich bringt? Finanzielle Abhängigkeit vom Partner. Man weiß zu gut wie sehr sich die Lage nochmal verschlechtert sobald man alleinerziehend ist. Der Grund weshalb viele in unglücklichen Beziehungen bleiben.

Würde ich den gleichen Weg nochmal gehen? Ich weiß es nicht. Aber ich wünsche mir für meine Kinder ein Leben ohne Angst darüber wie die Karriere nach dem ersten Kind weitergeht. Ohne Bedenken, wie die Vereinbarkeit klappen könnte, ohne Angst, alleinerziehend in die Armutsfalle zu tappen oder als Mutter später in die Altersarmut. Kinder dürfen in einem der reichsten Länder dieser Welt kein Grund mehr für Gehaltseinbußen oder gar Armut sein. Wir haben das Jahr 2022. Und zu viele Frauen überlegen, ob sie es sich tatsächlich leisten können, ein Kind zu bekommen. Ein Armutszeugnis für dieses Land. 

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