Einmal Altersarmut bitte!

Vor einiger Zeit habe ich mich mit Anita in einem kleinen Café getroffen. Eine dreifache Mama, 41, mit einem Teilzeitjob und einer geringfügigen Stelle. Sie hatte sich ihr Leben gänzlich anders vorgestellt. Ihre Geschichte steht für so viele die ich zu hören und lesen bekomme. Vor allem Frauen sind noch immer massiv gefährdet in Armut bzw. in Altersarmut zu leben. Und das hat definitiv nicht mit „fehlenden Anreizen“ oder „zu wenig Fleiß“ zu tun. Aber lest selbst was sie erzählt hat…

Eure Frau Sonnenschein


So wie heute im Café zu sitzen und mit dir einen Cappuccino zu trinken wird für mich die Ausnahme bleiben, denn Altersarmut ist bei mir vorprogrammiert, hab sie sozusagen bestellt wie diesen Kaffee. Ich bin 41, habe zwei prekäre Jobs und bin ständig auf der Suche nach mehr. Erfolglos. Mit drei Kindern ist die Realität aber nun mal so dass selten mehr drin ist. Bei den Frauen zumindest die keine Großeltern haben die sich bei der Kinderbetreuung beteiligen.

Hätte ich mir das früher träumen lassen? Nein. Aber wahrscheinlich war ich auch zu naiv. Beim ersten Kind fand ich schnell wieder zurück ins Arbeitsleben. Vollzeit in einem kleinen Unternehmen und trotz Kinderkrippenkind eine Führungsposition. Ich lebte meinen Traum. War doch einfach, Kind und Karriere und einen Hut zu bringen. Geht beides. Damals hatte ich eine Stadtwohnung, ein tolles soziales Umfeld, kein Problem, falls Überstunden nötig waren. 

Ich war jung, dumm und überheblich. Und dann hab ich geheiratet. Sozusagen eine „richtige“ Familie gegründet, wie es mir vom Umfeld ständig nahegelegt wurde. Braucht Frau, um endlich eine richtige Frau sein zu dürfen.  Der Mann baute die Firma auf, ich war für den Nachwuchs zuständig. Wir wollten beide eine große Familie. Ist doch wunderschön. Eigene Firma und arbeiten gehen, sobald die Kinder im Kindergarten sind. Sollte doch erfahrungsgemäß kein Problem sein. Kannte ich immerhin aus  eigener Erfahrung. Wird sich schon nicht geändert haben. 

Sicher nicht. 

Doch oft kommt es im Leben so, wie frau sich das nicht erträumt hatte: dein Sohn hat von Geburt an gesundheitliche Probleme. So massiv, dass die ersten Lebensjahre an arbeiten überhaupt nicht zu denken war. Aber gut, die Firma lief und finanziell war es nicht wirklich eng. Also hab ich mich auf das Dasein als Mutter konzentriert. Nebenbei ein wenig gejobbt. Aushilfsjobs, Spielgruppen, Nachhilfe. Die Jahre vergingen, das Kind kam in die Schule, aber immer nur tageweise. Jobsuche? Noch unmöglich. Wird aber bald besser. Redet man sich zumindest ein. 

Mit Sicherheit.

Vor drei Jahren war es dann soweit dass ich beginnen konnte, Bewerbungen zu schreiben. Eine nach der anderen. Ich glaube, es gibt keine Stellenanzeige und Firma in meiner Umgebung, die ich nicht kenne. Vom Büro über Handel bis Tankstelle und Gastgewerbe. Von Teilzeit bis Vollzeit, von freier Dienstnehmerin bis freiberuflich. Eine Mutter mit drei Kindern, die jahrelang zu hause war? Wer nimmt die schon. Die erste Zeit war extremst deprimierend. Absagen, wenn sie denn überhaupt kamen. 

Und kam es ausnahmsweise zu einem Vorstellungsgespräch drehten sich die Fragen nur darum, wie ich mit schulpflichtigen Kindern Job und Familie vereinbaren wolle. Dass die Kinder einen Vater haben war nie Thema. Väter kümmern sich anscheinend nicht um Kinderangelegenheiten. Noch immer nicht. Ist sowas wie ein Fremdwort. „Wie, Ihr Mann übernimmt auch die Kinderbetreuung? Das ist aber sehr löblich“. Die 50er lassen grüßen.

Neben der erfolglosen Jobsuche, die sowieso extrem an deinem Selbstbewusstsein nagt, kommen die Vorbehalte deiner Umgebung. Weil auch die Firma des Mannes durch die Pandemie leidet wird die Schuld gern auf mich übertragen. Manche machen das offen, manche hinter deinem Rücken. „Die will ja gar nicht arbeiten gehen; wieso hat´s auch so viele Kinder bekommen; typisch.. Die lebt doch gut von der Familienbeihilfe“ oder „Wahrscheinlich hat sie soviel Geld ausgegeben und deshalb gehts seiner Firma so schlecht, andere kommen doch auch gut durch die Pandemie“. Frau lernt, damit zu leben. Ignorieren. Ab und an die Versuche, sich zu verteidigen. Aber ehrlich – wofür? Dass ich Kinder großziehe, immer nebenbei gearbeitet habe? Versuche, ihnen die Bildung bieten zu können, die sie am besten fördert. Verteidigen, weil ich als Frau und Mutter mehr stressresistent und multitaskingfähig bin als die meisten der Topmanager dieses Landes? Verteidigen, weil ich Frau bin? 

Ich hab es satt. Satt, mich entschuldigen zu müssen, Mutter zu sein. Satt, mich erklären zu müssen, wie ich die Kinderbetreuung gebacken bekomme. Satt, mir ständig anhören zu müssen, wie wundervoll der Vater ist, weil er seinen Teil der Hausarbeit und Kindererziehung übernimmt, wenn ich die paar Stunden in der Arbeit bin. Wir sind Eltern. Beide. Sollte langsam überall ankommen dass für die Carearbeit nicht nur die Mütter zuständig sein sollten.

Der Altersarmut werde ich nicht mehr entkommen. Ich habe mich jahrelang für die Kinder entschieden. Anfangs freiwillig, danach weil es eben so sein musste. Wäre ich lieber arbeiten gegangen? Natürlich. Konnte ich es ändern? Nein. Werde ich in Zukunft oft den Vorwurf hören, ich sei selbst schuld an meiner Altersarmut? Mit Sicherheit. Will ich mich jedes mal erklären, dass es mit einem beeinträchtigten Kind eben nicht so läuft, wie frau sich das ausgemalt hatte? Nein, ich bin müde. Müde, mich immer wieder erklären zu müssen, so wie tausende andere Mütter in unserem Land auch. Was es auch mit sich bringt? Finanzielle Abhängigkeit vom Partner. Man weiß zu gut wie sehr sich die Lage nochmal verschlechtert sobald man alleinerziehend ist. Der Grund weshalb viele in unglücklichen Beziehungen bleiben.

Würde ich den gleichen Weg nochmal gehen? Ich weiß es nicht. Aber ich wünsche mir für meine Kinder ein Leben ohne Angst darüber wie die Karriere nach dem ersten Kind weitergeht. Ohne Bedenken, wie die Vereinbarkeit klappen könnte, ohne Angst, alleinerziehend in die Armutsfalle zu tappen oder als Mutter später in die Altersarmut. Kinder dürfen in einem der reichsten Länder dieser Welt kein Grund mehr für Gehaltseinbußen oder gar Armut sein. Wir haben das Jahr 2022. Und zu viele Frauen überlegen, ob sie es sich tatsächlich leisten können, ein Kind zu bekommen. Ein Armutszeugnis für dieses Land. 

Mit DEM (armutsbetroffenen) Kind spielst du nicht!

Für mich persönlich ein Text der mir sehr nahe geht. Sobald deine Armut sicht- und spürbar ist, wirst du oft gemieden. Als wäre Armut ansteckend. Kinder werden davon abgehalten mit deinen Freundschaften zu knüpfen, denn – „mit denen spielt man nicht“. Weil? Ja weil das Vorurteil überwiegt Betroffene wären faul, wären schlechte Gesellschaft. Einmal in der Umgebung als arm geoutet findest du nur noch schwer Kontakte und wenn dann maximal zu selbst Betroffenen. Teilhabe schaut anders aus. Und weil uns so viele gern erklären Teilhabe müsste ja nix kosten: doch, es kostet das Unsichtbarmachen deiner eigenen Situation. Und ich frage mich ständig: ist das die Gesellschaft in der wir alle leben wollen?

Danke an @Finkulasa für den Text. Danke für deine Kraft das zu schreiben. Danke dir auch fürs immer wieder aufzeigen was Armut macht.

Eure Frau Sonnenschein


Armut erleben

Armut. Für mich früher, ein sehr abstrakter Begriff.

Ich stamme aus einem „gutbürgerlichen Haushalt“, wuchs während meine Eltern arbeiteten bei meiner Oma auf und hatte viele Jahre absolut keine Berührungspunkte mit „Armut“. Zwar befanden sich meine Eltern in der sogenannten Arbeiterklasse, verdienten aber in den 80/90ern relativ gut. Meine Mutter machte mit Mitte 30 noch eine Ausbildung zur Altenpflegerin und verdiente am Ende sogar wesentlich mehr als mein Vater. Kirchlicher Träger, übertariflich vergütet. Ich war, trotz Schwester, ein verzogenes, behütetes Einzelkind. Das einzige was mich wirklich negativ prägte war der Druck meines Vaters. Ich MUSSTE besser als meine Schwester sein. Ich MUSSTE Abi machen und studieren. Ich gebe zu, seitdem habe ich Probleme Dinge zu beenden. In mir regt sich dann absolute Versagensangst und … nun ja, dazu komme ich noch.

Meine 9 Jahre ältere Schwester fiel in die Arbeitslosigkeit. Mit Kind und alkoholkrankem Mann. Meine erste bewusste Erfahrung mit Armut. Mein junges, naives Denken? „Soll sich halt was suchen, Jobs gibt’s genug“.

Heute weiß ich, dass sie sich in einer toxischen Ehe befindet (ja, leider immer noch) und damals zutiefst depressiv war. Sie hatte gar keine Kraft um an allen Fronten zu kämpfen und leider auch keine Unterstützung seitens des Vaters. 

Aber MIR konnte sowas nicht passieren, eher ginge ich putzen. Nach abgebrochener Krankenpflegeausbildung (Mobbing. Ich neigte schon immer dazu, zu direkt zu sein und wagte mich, bei der Stationsleitung Beschwerde gg die Ansprüche während der Übergabe einzulegen, welche leider von ihrer privat besten Freundin kamen. Danach wurde mir das Leben zur Hölle gemacht.) ging ich nochmal zur Schule. Wirtschaftsgymnasium. Ziel: Abitur.

In meiner verblendeten Partyzeit, musste auch Geld ran, daher jobbte ich nebenbei in einer Spielhalle, um meine Kaufsucht zu bedienen. 200€ für eine Jeans? Klar, warum nicht.

Dummerweise schlug kurz vor Abi mein Fluchtmechanismus zu. Die dämlichste Entscheidung meines Lebens. 3 Monate vor Prüfung, ging ich mit dem schriftlichen Teil des Fachabis ab und jobbte Vollzeit. Viel Geld für eine in „Hotel Mama“ lebende junge Frau.

Mit fast 25 zog ich endlich aus und begegnete online dann meinem späteren Mann, der am anderen Ende Deutschlands lebte. Ich wollte ja was vom Land sehen und war ja jung. Ausbildung konnte ich immer noch machen, dann hätte ich die volle Fachhochschulreife. Also zog ich weg. Und wurde schwanger.

Es kamen nicht nur 40 kg dazu, sondern plötzlich auch das Bewusstsein „Omg was mache ich denn jetzt?“.

Innerlich war mir klar, dass es nie so werden würde wie erhofft. Glaube ich heute. Arbeit hielt er nie lange, immer waren andere Schuld. Pc war wichtiger als alles andere, selbst als ich auf ihn einging und selbst gar nicht mehr spielte änderte sich nichts. Da war schon K2 da und wir mittendrin in der Abwärtsspirale.

Ich wurde mit der Tatsache konfrontiert, dass Freundschaften zerbrachen, konnte ich doch nicht mehr mithalten. Weder war das „Essen gehen“, noch Ausgehen an sich in unserem Budget verfügbar.

Ich fristete 7 Jahre in dieser Ehe, die liebloser kaum sein konnte. Natürlich schön verpackt in „Liebe“, damit nur keiner auf die Idee kommt, er sei kein „lieber Kerl“

Zuverlässigkeit, Verantwortung…waren Fremdwörter. Und so schlitterte ich tiefer und tiefer in die schlimmste Depression meines Lebens. Von mir  war am Ende kaum noch etwas übrig. Die jahrelangen Existenzängste, die Einsamkeit, die alleinige Verantwortung. Alles zu viel. Als ich nicht mehr leben wollte, beendete ich meine Ehe.

Und ganz langsam kam das Bewusstsein für meine Situation. Über weitere Jahre, aber es kam.

Kinderbetreuung: ist nicht überall gegeben. Ich hatte von 7-11:45. Nicht mal zum Putzen fand ich einen Job. Da e keinerlei Verantwortung übernahm, stand ich doof da und meine Mutter war berufstätig.

Hilfe des JC: über die Jahre hinweg bekam ich kaum Hilfe. Im Gegenteil. Eine Umschulung kam nicht in Betracht, ich solle jobben. Heizkosten wurden unzählige Male nicht pünktlich übernommen, wodurch wir mitunter Wochen im Winter mit Sperrholz heizten(im Haus gab es nur Holzöfen), wenn überhaupt. Gelder wurden gestrichen, weil das JC nicht in der Lage war die postularische Adresse anzugeben, da diese nicht in deren Kreis lag, das Dorf aber schon( es war nur für die Post effizienter über den anderen Kreis zu „liefern“) und wir somit häufig keine Post bekamen.

Mobilität: nur mit Hilfe meiner Mutter konnte ich wenigstens unser Auto halten. Als mein damaliger Mann dann eine Ausbildung bekam, musste ich fahren. War zwar anders vereinbart, aber ich war viel zu tief in diese toxischen Erpressungen verstrickt um das zu erkennen, also fuhr ich. Mit 2 Kindern, morgens um halb 6. Öffis gab, und gibt es dort nicht.

Umfeld: Asozial. Faul. „Mit DEM Kind spielst du nicht“

Ja, auch meine Kinder bekamen es ab. Die Hoffnung Kontakte im Kindergarten zu knüpfen, verschwand zusehends, denn wir hatten den Stempel H4 in neon roten Leuchtbuchstaben auf dem Kopf stehen! Als wäre man aussätzig. Ansteckend. Ausgrenzung pur. Dementsprechend nahm ich immer seltener an Kita Organisationen teil. Ich stand eh immer alleine herum. Mein Mann beteiligte sich da sowieso nicht. Ich war komplett alleine, trotz Ehe. So fühlte es sich an. Im Nachhinein wurde mir auch berichtet, dass dies durchaus auch das Zutragen meines Mannes war, der mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit schlecht machte, immer unter dem Deckmantel des „Humores“.

Bedürfnisse:

Darf man nicht haben. So kurz und so wahr. Als K1 eingeschult wurde gab es 100 euro an Schulbedarf. Die Bücher beliefen sich auf rund 200 und der Torni auf 250€, denn ja, Armut sollte nicht bedeuten, dass man dem Kind einen minderwertigen Tornister kaufen muss, schließlich soll es den 4 Jahre auf dem kleinen Rücken tragen! Und Lernmittelfreiheit besteht nicht überall, zudem gibt es dazu Fristen, von welchen man nichts weiß, wenn man die Unterlagen zu spät bekommt. Die Dorfschule bestand zudem auf „bestimmte“ Stifte usw usf. Da war unsere Hochzeit billiger-.- Friseur? Ein Mal in 7 Jahren und ein Mal nach Trennung. Ich war seit 2006 nicht mehr „richtig“ beim Friseur, die beiden Male war es „nur“ Schnitt, der Rest wurde von meiner Schwester erledigt. Kleidung. Sack und Asche von Kik. Sowieso als Dicke lange die einzige Option und als arme Dicke leider immernoch! Unternehmungen. Wurde meist von meiner Mutter übernommen, sonst hätten wir uns die Zoobesuche nie leisten können.

Armut macht arm. Nicht nur finanziell. Es wird zum Mangel an allem. Ständiger Stress begleitet einen, setzt einem zu. Natürlich könnte ich das schön reden und erklären wie toll man doch sparen lernen kann, aber hier geht es um reale Schicksale und lügen liegt mir nicht.

Denn es ist nicht toll. Es ist keine „soziale Hängematte“. Es ist purer Stress, tagein,tagaus, 24/7. Schlafstörungen Angstzustände, Panikattacken. Alles stete Begleiter von Vielen. Auch von mir. Die Panik davor, dass ein Haushaltsgerät kaputt geht, ein Kind teure Wünsche hat, eine Rechnung nicht bezajlt werden kann… allgegenwärtig!

Einkauf nur mit Liste, mit Nachdenken, mit Taschenrechner im Kopf. Essen gehen/bestellen, nur mit  „gibt’s dafür ne Woche Nudeln mit Soße oder Ei“ machbar. Sparen, sparen, sparen…um am Ende doch keine Rücklagen schaffen zu können. Verschuldet noch aus Ehe. Existensangst, nein, Panik! Tag um Tag!

Das ist Faulheit? Das ist „die Füße hochlegen“? Jeder der so denkt, darf gerne mal einen Monat in meinen Schuhen gehen! Ich erhalte mir einen Alltag. Krampfhaft. Um nur nicht noch tiefer in die Depression zu rutschen. Setze mich regelrecht unter Druck was zu schaffen, damit ich nicht einbreche. Doch es wird schwieriger. So unfassbar viel schwieriger, je länger man durchzuhalten versucht.

Heute bin ich krank. An Körper und Geist. Die Hoffnung ist noch da, doch sie schwindet.

Und vor dem Tag an dem sie ganz weg ist, habe ich mehr Angst, als vor allem anderen.

Auch das ist Armut..


Ar-Mut bezahlt alle Betroffenen für ihre Texte, nennt sich Aufwandsentschädigung und Wertschätzung. Aktuell gibts ein monatliches Budget von 240 Euro, bedeutet ca. 4-5 Texte pro Monat. Wer mithelfen möchte damit mehr Stimmen laut werden:

für einmalige Unterstützungen (einfach „ar-mut“ dazuschreiben) : https://paypal.me/FrauSonnenschein?country.x=AT&locale.x=de_DE

für Abos um planen zu können:

https://steadyhq.com/de/ar-mut/about

https://www.patreon.com/frausonnenschein?fan_landing=true

Ich hätte so vieles anders machen sollen

…ist das so? Hat @chocolate_and_ wie sie selbst schreibt „selbst schuld“ an ihrer Armut? Natürlich würden nun einige kommentieren: ja, einfach kein Kind bekommen oder sich erst trennen wenn man es sich leisten kann, einfach sich um eine gute Ausbildung kümmern usw…die Kommentare kennen wir alle. Doch – wer von uns noch nie, niemals im Leben eine Fehlentscheidung getroffen hat (und sorry, ein Kind zählt da sowieso nicht dazu), werfe bitte den ersten Stein. Der Unterschied ist: mit dem entsprechenden Rückhalt können viele Privilegierte Fehlentscheidungen bzw. Fehler verkraften. Für Menschen wie uns endet jede angebliche Fehlentscheidung in der Armut.

Was mich am Text von @chocolate_and_ auch so bewegt? Sie verkörpert dieses „ich bin doch selbst schuld“, „ich bin zu blöd“ – genau das hat mich selbst jahrelang begleitet. Zu denken, alle anderen schaffen es doch auch nur ich nicht, genau das hab ich erlebt. Warum? Weil alle, tatsächlich alle im Umfeld die eigene Armut versteckt haben. Aus Scham. Erst das Wissen dass es so viele gibt, das Wissen, wir sind nicht allein, das Wissen über fehlende Vereinbarkeit, soziale Ungleichheit, strukturelle Armut hat mir geholfen, die Scham hinter mir zu lassen. Und mit jedem Text, der hier online geht, hoffe ich dass wir noch mehr Betroffenen erreichen und wir endlich laut werden. Aber jetzt – die ganze Aufmerksamkeit darauf wie banal eigentlich Armut geschieht, wie wenig es bräuchte um sie zu verhindern (Ausbildungschancen, Kinderbetreuung, Unterstützung, auch psychologische). Und ich möchte dass im deutschsprachigen Raum sehr, sehr viele diesen Text lesen, denn er spiegelt so viele Armutsschicksale wider.

Warum ich Northern Lights als Bild für diesen Beitrag genommen habe? Weil sie für mich als jahrelange Fotografin ein Traumziel sind, das ich jedoch niemals erreichen werde.

Eure Frau Sonnenschein

Es gibt unterschiedliche Wege, die zu Armut führen. Unterschiedliche Gründe. Auslöser. Ich weiß nicht, wie es bei anderen ist. Bei mir war es eine Kombination unglücklicher Ereignisse, Schicksalsschlägen und schlechten Entscheidungen. 

Man wird manchmal zum Beispiel schon in eine arme Familie geboren. In meinem Fall zum Glück eine, die immer zusammengehalten hat. So ist mir als Kind gar nicht so extrem aufgefallen, dass wir arm sind. Ich hielt das eher für normal. Die anderen, die mehr hatten, das waren für mich die Reichen. Und die Armen, das waren auch andere. Das waren die hungernden Menschen in Afrika. Die meisten Leute haben so wenig Geld wie wir, dachte ich. Meine Mutter war die meiste Zeit alleinerziehend und wir sind unzählige Male umgezogen. Dazwischen hat sie nochmal geheiratet und wir hatten für kurze Zeit ein kleines Haus und mehr Geld. Das war für mich die schönste Zeit.

Vielleicht trifft man auch eine schlechte Entscheidung, weil man nicht weiß, dass sie das ganze restliche Leben beeinflusst. Man bricht die Schule ab, weil man schwanger ist, und denkt aber, man könne die Matura doch später leicht nachholen. Immerhin gibt es eine Abendschule, also ist die Priorität erst mal, beim Kind zu bleiben, das zwar ungeplant ist, aber über alles geliebt wird.

Dann ist man möglicherweise unglücklich in der Beziehung weil 100% der Arbeit und des Mental Loads an einem selbst hängen bleibt. Und zu dem Zeitpunkt ist man einfach nur fix und fertig und voller Wut auf diesen Mann. Über Mental Load liest man erst später und weiß auch dann erst, was da damals alles schief gelaufen ist. Und da überstürzt man die Trennung, startet noch in Karenz, mit offenen Rechnungen, 2 Kindern, ohne Wohnung und Auto, ohne Job in Aussicht in das neue Leben als Alleinerziehende. Nichts ahnend, dass das all die Kraft kosten wird, die noch übrig war. 

Und so wurschtelt man sich dann jahrelang durch. Sobald Geld rein kommt, wird irgendwas kaputt. So will es das Gesetz. Man starrt vor Verzweiflung Löcher in die Wand. Man öffnet keine Briefe mehr, weil man eh kein Geld hat, die Rechnungen darin zu bezahlen. Man zahlt unendlich viele Raten an zu viele Firmen. Man nimmt Kredite auf, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Man bettelt die Verwandtschaft um Geld an und die Bank und wird innerlich kaputt vom schlechten Gewissen. Und vor Scham. Die ist am Größten. Denn ich wusste damals nicht, dass ich unter der Armutsgrenze lebte. Ich dachte, ich wäre zu blöd. Zu blöd, um mit Geld umzugehen. Zu blöd, um Kinder, Haushhalt, Job und Anderes unter einen Hut zu bringen. Die Fixkosten überstiegen auch ohne Lebensmittel zu kaufen schon die Einnahmen, aber ich dachte trotzdem, ich wäre einfach zu blöd um zu sparen. Immerhin habe ich ab und zu auch Dinge gekauft, die mir wie Luxus vorkamen. Kleidung, ein Stück Kuchen im Kaffeehaus, Spielsachen, oder den Eintritt ins Freibad. Erst viel später wurde mir klar, dass der Durchschnitt der Menschen noch viel mehr Sachen einfach nur zum Spaß kauft und dabei kein schlechtes Gewissen hat. 

Außerdem war ich auch faul. Ich hatte nur einen Halbtagsjob und ging nicht ganztags arbeiten. Mit mehr Arbeit hätte ich auch mehr Geld, dachte ich. Da ich das nicht hatte musste ich faul sein. Es gab zu diesem Zeitpunkt in der Umgebung allerdings gar keinen Ganztagsjob, der mit der Kinderbetreuung übereinstimmte. Und außerdem darf man ja auch keine vollzeit arbeitende Rabenmutter sein, sagte man mir. Mittlerweile wird das nicht mehr ganz so sehr verteufelt, aber diese Denkmuster sitzen immer noch tief in unserer Gesellschaft. Ich war also faul, weil ich zu wenig arbeitete, aber war gleichzeitig eine schlechte Mutter, weil ich überhaupt arbeitete. 

Ich hatte Glück im Unglück, denn ich hatte auch Menschen, die mich sehr unterstützen. Familie und Freunde, die mich im Alltag ablenkten und mit denen ich Spaß haben konnte. Doch ich bekam schlecht bezahlte Jobs, von denen mich einer fast ins Burnout katapultierte. Als ich morgens nach 3 Stunden Schlaf pro Nacht überlegte, ob ich tatsächlich aufstehen, oder warten soll bis ich gefunden werde, habe ich ohne neuen Job gekündigt. Eine Todsünde in Österreich. Hier hackelt man sich gefälligst kaputt, ohne zu jammern. Ich wurde auch gleich bestraft mit einer Sperre vom AMS und das Anbetteln von Leuten im Umfeld um Lebensmittel, damit meine Kinder nicht verhungern, begann von Neuem. So etwas wie Ersparnisse hatte ich natürlich nicht. Nur Schulden.

Das mit den Schulden ist so eine Sache. Es ist nicht so, dass man 5000 € Kredit aufnimmt und dann zahlt man das ab und dann ist alles wieder gut. Nein. Man überzieht das Konto. Dann muss man das ausgleichen mit einem Kredit. Dann braucht man die Kaution für eine Wohnung. Man zahlt wieder ein bisschen was ab. Dann muss man ein altes Auto kaufen, weil man sonst aus Mangel öffentlicher Verkehrsmittel am Land nicht zur richtigen Zeit zum Kindergarten und in die Arbeit kommt. Das Auto braucht aber 3 Monate später eine teure Reperatur, die man sich nicht leisten kann, also hat man noch dazu ein schlechtes Gewissen, weil man das Auto umsonst gekauft hat. Man kauft irgendwann nur noch auf Raten, obwohl man weiß, dass das teurer ist. Man macht Finanzpläne, aber man vergisst immer auf irgendwas unerwartetes. Weil man zu blöd ist, wahrscheinlich. Es kann Jahrzehnte dauern, bis Schulden abbezahlt sind. Und da hat man dann am Ende kein schickes Einfamilienhaus sondern freut sich einfach wie verrückt, wenn das Konto zur Abwechslung mal kurz ein paar Euro im plus ist. 

Was einen nicht umbringt, macht einen stärker. Oder in meinem Fall: krank. Die schiere Anzahl an schlechten Erfahrungen und ausweglosen Situationen ohne professionelle Hilfe hat zu psychischen Problemen bei mir geführt. Zum Glück gibt es in unserem schönen Land Fachkräfte! Die einem dann aber sagen, dass man ohne Geld keine Therapie bekommt und gegen die Selbstmordgedanken könnte man ja ein paar Tabletten schlucken. Auch hier gilt wieder: zum Glück hatte ich Menschen in meinem Umfeld, die einfach spitze waren, denn sonst hätte ich mich nie mehr aus diesem Loch kämpfen können. (Später hatte ich auch das Glück, einen Kassenplatz bei einer wunderbaren Therapeutin zu bekommen. Aber nicht ohne die ersten Stunden selbst bezahlen zu müssen.. Da ging das finanziell schon gerade mal so.)

Wenn man wenig Geld zur Verfügung hat, geht man nicht einkaufen, ohne zu rechnen. Ich zumindest nicht und ich vermute, viele andere auch nicht. Und trotzdem kann es passieren, dass an der Kassa die Bankomatkarte nicht funktioniert. Und man schämt sich so sehr, dass man am liebsten davonlaufen würde. Spätestens ab dann bekommt man immer leichte Panik an der Kassa. Mir wird heute immer noch mulmig. Ich schaue immer, ob ich notfalls noch mehr Bargeld als berechnet eingesteckt habe, oder noch Geld am Konto ist, falls der Einkauf teurer ist, als ich dachte. Und wenn ich schreibe “Geld am Konto” meine ich “Geld zur Verfügung durch den Überziehungsrahmen”.

Worüber auch wenig geredet wird ist, dass etwas Geld für Essen vielleicht da ist, dieses Essen aber miese Qualität hat oder man erst gar nicht genug Geld für ausreichend Obst und Gemüse hat. Da gibt es dann halt viel zu oft Toastbrot mit Butter und Marmelade und mittags Spaghetti. Und man weiß, man hat hier 2 Kinder, die mehr Vitamine bräuchten. Man kauft das auch ein bisschen, aber dann denkt man sich, gesünder wär bio, denn man sieht doch in den ganzen Dokus, was in den Lebensmitteln so drin ist. Vor lauter schlechtem Gewissen kauft man dann auch noch Süßigkeiten, damit die Kinder glücklich sind. Ein richtig blöder Teufelskreis. Und dann denkt man sich: “Also Oma hat das alles besser hinbekommen mit der Kocherei und die hatte auch nicht viel Geld.”, und fühlt sich noch mieser. Weil man nicht mal „richtig“ arm sein auf die Reihe bekommt. 

Ich wollte außerdem, dass niemanden auffällt, das wir kein Geld haben. Ich wollte nicht im Sozialmarkt einkaufen und als die Kinder älter wurden versuchte ich ihnen Markenkleidung zu organisieren. Ein paar Mal ging ich sogar im Bioladen einkaufen, aber sah ziemlich schnell, dass das mein Budget maßlos übersteigt. Ich weiß bin heute nicht, wie man sich einen Einkauf dort leisten kann. Urlaub war nur 1x drin und das nur, weil meine Mutter für uns die Unterkunft bezahlt hat und ich für den Rest noch mehr ins Minus rutschte. Aber es war wirklich wunderschön.

Frei nach dem Motto: Irgendwas ist immer” kommt dann noch die Krebserkrankung der Mutter dazu. Ich war gerade erst arbeitslos geworden und hatte da nicht die Kraft, auch noch einen Job zu suchen. Ich musste mich auch um meinen 11 jährigen Bruder kümmern. Ich konnte Familienhospizkarenz beantragen, was uns über Wasser hielt. Ausreichend ist das nicht, aber zu dem Zeitpunkt hatte ich dann größere Sorgen als Existenzängste. Glaubt man erst gar nicht, dass das geht. 

Mit noch mehr Trauma im Gepäck suchte ich dann verzweifelt Rat beim AMS in der Hoffnung, die wüssten vielleicht eine Beratungsstelle, an die ich mich wenden konnte. Ich wollte wirklich unbedingt arbeiten, scheiterte allerdings an den organisatorischen Dingen, denn ich hatte kein Auto, keine Kinderbetreuung mehr, musste mich teilweise um meine kranke Mutter kümmern und hatte keine Ausbildung. “Andere können das auch!”, meinte die Beraterin abschätzig, da sie überzeugt war, dass ich ja nur nicht arbeiten wollte. Ich heulte jedes mal beim AMS. Wenn man noch einen Rest Selbstachtung hat, kann man sich sicher sein, dass der dort zerstört wird. Ich fühlte mich wie der letzte Dreck. Faul. Unfähig. Zu blöd, die einfachsten Dinge auf die Reihe zu bekommen, die ja jeder kann. Ich kam in einen Kurs mit einer tollen Trainerin, die mich wieder aufbaute und danach in einen Kurs, in dem ich 30 min schlecht gemacht wurde, und mir gesagt wurde, dass ich eh nie was erreichen werde im Leben. 

Da ich gelernt habe, dass man nicht aufgibt, war ich zwar innerlich schon ziemlich kaputt, aber immer noch überzeugt, mein Leben auf die Reihe zu bekommen. Also ab in den nächsten schlecht bezahlten Job, der auch viel zu stressig war, aber ich hatte nette Kolleginnen, die teilweise zu Freundinnen wurden. Selbst der Burnout-Job hatte den Vorteil, eine Freundin dort kennen zu lernen. In der Zeit gings langsam auch finanziell bergauf. Die Kinder wurden größer. Ich bekam wieder einen Mann. Und zu zweit ist es gleich viel einfacher. Und damit ist nicht nur der finanzielle Aspekt gemeint. Einen Vertrauten zum reden zu haben, unbeschwert lachen zu können und sich die gemeinsame Zukunft auszumalen baute mich wieder auf. Mir ist es wichtig zu betonen, dass ich denke, Frauen sollten nicht wegen finanzieller Absicherung bei miesen Männern bleiben. Ich habe die Trennung von dem Vater der beiden großen Kinder nie bereut. Ich bin lieber verzweifelt wegen Armut, als in einer schrecklichen Beziehung. 

Die Matura konnte ich übrigens nicht nachholen. Dazu ist nämlich nicht jede*r berechtigt. Auch andere Ausbildungen ohne Kinderbetreuung, am Land, ohne Geld: vergiss es. Ja, vielleicht mit viel Unterstützung, wenn der Kurs bezahlt wird, man Kinder ohne Schulprobleme hat. Vielleicht gibts auch irgendwelche Infos, die ich nicht habe und es geht doch irgendwie, aber ich habe lange gesucht und keine Möglichkeit gefunden, die für mich persönlich machbar wäre. Da stirbt ein Traum in einem, das schmerzt sogar noch mehr, als die jahrelange Armut. 

Irgendwann zeigt der Mann mir Twitter und damit lerne ich zum ersten Mal etwas über Armut. Ich finde den Link zu einem Rechner, wo man schauen kann, ob man über der Armutsgrenze lebt und bin entsetzt, wie weit drunter ich damals war. Mir wird klar, dass es nicht rein an mir lag, was alles schief lief. Das hätten vielleicht auch andere nicht besser geschafft. Zum ersten Mal habe ich Mitleid mit meinem früheren Ich, das sich ständig so sehr selbst beschimpft hat. Betroffene schreiben von Armut und wie es ihnen ging und ich finde mich so sehr wieder. Ich weiß plötzlich woher all die Gefühle kommen. 

Und ich lerne durch den Mann auch, dass ich gar nicht Durchschnitt war als Kind. Denn er hatte eine ganz andere Vorstellung davon, was normal war. Nämlich Skiurlaube, ein Einfamilienhaus mit Arbeitszimmer und Garten, Flüge ins Ausland und jede Menge Freizeitaktivitäten. Das schlechte Gewissen, wenn wir mal schlecht gewordenes Essen wegschmeißen müssen, ist bei ihm geringer. Ich esse Dinge noch, die er schon längst ungenießbar findet. Das ist wohl auch so etwas, das bleibt. 

Ich wurde wieder schwanger, wollte es diesmal anders machen, nicht in die Armutsfalle tappen und machte doch wieder alles gleich. Ich wollte noch alles planen und durchrechnen und dann kam die Pandemie und ich war wie gelähmt vor Angst. Was mir in schlechten Zeiten als einziges half waren Kontakte zu Anderen und mit den Kontaktbeschränkungen fiel somit meine einzige Copingstrategie weg und das am Ende meiner Schwangerschaft. Also wieder das alte Kindergeldmodell gewählt und wieder mit dem Konto ins Minus gerauscht. Wieder eine Pechsträhne nach der anderen, weil wieder dauernd was kaputt war, jemand ins Krankehaus musste und Physiotherapie trotz Krankenkassenbeisteuerung sehr teuer ist. Weil das Auto kaputt wird und die Tochter den Führerschein machen will. Weil Masken und Tests haufenweise Geld kosten und man einen Rückbildungskurs machen will, weil es uncool ist, beim niesen Harn zu verlieren. Weil das Handy der Tochter kaputt wird und dann das vom Sohn. Am Tag drauf dann meins. Der Unterschied zu früher ist, dass ich keine Angst haben muss, dass wir nichts zu Essen mehr haben. Jetzt ist all das Scheiße, ich rutsche weiter ins Minus und es ist wieder kein Geld da für Freizeitaktivitäten und Spaß. Und vor allem weckt es ziemlich miese Erinnerungen. Aber ich merke wie groß der Unterschied zu früher ist. Wie wahnsinnig schrecklich die Angst ist, seinen Kindern nichts zu Essen kaufen zu können. Oder wie es ist, wenn man nicht weiß, wie man Medikamente für sie zahlen soll. Ich glaube nicht, dass Menschen, die das nicht erlebt haben, sich das vorstellen können. Ich bin froh, aus der schlimmsten Armut draußen zu sein, auch wenn mein Konto immer noch nicht im Plus ist. An dem Tag an dem ich meinen Kredit abbezahlt hatte, habe ich geweint. 

Die Pandemie hat mir auch gezeigt, wie andere Menschen normalerweise leben. Sie vermissen Dinge, die für mich immer noch nicht selbstverständlich sind. Shoppen zum Spaß, Essen gehen, Kino, Urlaub, Skifahren, Konzerte, Theater und der regelmäßige Friseurbesuch. 

Es fühlt sich an, als habe man jahrelang in einer Parallelwelt gelebt. 

Ich hätte so vieles anders machen sollen. Ich habe so viele Fehler gemacht, denke ich mir. Ich überlege, wie groß die Rolle von Glück und Pech im Leben ist. Und dann denke ich wieder, ich bin selber schuld, dass alles so scheiße war. Ich hätte doch einfach die richtigen Entscheidungen treffen müssen. Andere können das doch auch.


Ar-Mut bezahlt alle Betroffenen für ihre Texte, nennt sich Aufwandsentschädigung und Wertschätzung. Aktuell gibts ein monatliches Budget von 240 Euro, bedeutet ca. 4-5 Texte pro Monat. Wer mithelfen möchte damit mehr Stimmen laut werden:

für einmalige Unterstützungen (einfach „ar-mut“ dazuschreiben) : https://paypal.me/FrauSonnenschein?country.x=AT&locale.x=de_DE

für Abos um planen zu können:

https://steadyhq.com/de/ar-mut/about

https://www.patreon.com/frausonnenschein?fan_landing=true

Wir sind Menschen. Mit einer Vergangenheit

Triggerwarnung: Kindesmisshandlung, häusliche Gewalt, Vergewaltigung

Den nachfolgenden Text hat die wundervolle @nisfantastic geschrieben, die sich seit einiger Zeit auch auf Twitter stark gegen Vorurteile, Beschämungen, Klassismus und vor allem für Aufklärung einsetzt (folgt ihr um Armut aus der alltäglichen Perspektive mit allen Hürden zu sehen). Ich kann euch gar nicht sagen wie groß mein Respekt vor ihr und allen anderen, die noch folgen werden, ist. Die eigene Geschichte zu erzählen erfordert in einer Welt, die sich nur ungern mit den Hintergründen und Dynamiken von Armut beschäftigt sondern den einfachen Weg vorzieht, den der Vorurteile und „selbst schuld“ Mentalität, immens viel Mut. Danke dir, danke euch allen jetzt schon dafür! Armut beschämungsfrei diskutieren, das ist das Ziel. Eure Frau Sonnenschein!

Seit wann und warum kenne ich Armut?

Als ich zusagte, über meine Erfahrungen zu diesem Thema zu schreiben, schien mir die Beantwortung der Fragen ziemlich einfach und klar. Als ich begann, meine Geschichte aufzuschreiben, war es das aber ganz und gar nicht mehr. Gerade brüte ich über der x-ten Version dieses Textes und überlege immer noch, wie ich euch meine Welt, meinen Weg in die Armut, nahebringe.

Das Problem an Armut und ihren „Gründen“ ist: Damit könnte man Seiten füllen. Ich könnte das – und ich bin mir sicher, viele andere Menschen in Armut auch. Und dabei würde es sehr privat.
Wie viel von mir möchte ich also preisgeben, um euch meinen Weg in die Armut näherzubringen? In wieweit möchte ich vulnerabel sein, um für mich, aber auch für so viele andere Betroffene, gegen Stigmatisierung und Beschämung zu kämpfen?

Fangen wir also mit der vermeintlich leichteren Frage an: Seit wann kenne ich Armut?

Ich schreibe vermeintlich einfacher, weil das im Nachhinein doch gar nicht so klar ist. Trotz langer Überlegung verschwimmen die Grenzen ein wenig, weil es seit meiner frühesten Kindheit immer wieder phasenweise Armut abgewechselt mit einem sehr hohen MittelstandsLeben gab. Tatsächlich waren diese Phasen davon abhängig, ob meine Mutter gerade alleinerziehend oder in einer Partnerschaft war.

Rückblickend hatte ich wohl Glück, dass der Rest der Familie, also Omas und Opas, auch in finanziell sehr schwierigen Abschnitten dafür gesorgt haben, dass zumindest ich von der Armut meiner Mutter wenig bemerkte, und es höchstens im direkten Vergleich mit den Wohn- und Lebensumständen von Mitschüler*innen auf dem Gymnasium ein wenig einzuschätzen wusste. Das war es aber auch. Ich konnte es einschätzen, spürte aber dennoch kein Leid.

Der Leidensdruck kam erst, als ich vor über 10 Jahren selbst in Armut rutschte.

Für meinen persönlichen Fall ist zu sagen: Es gibt nicht den einen Grund, warum ich mit meiner Familie in Armut lebe. Am Ende ist es eine Aufsummierung verschiedenster Faktoren. Dinge, die schon in frühster Kindheit Grundsteine dorthin legten, wo ich heute stehe.

Für meine Situation stimmt bereits der Fakt, dass es im Leben auch auf das Elternhaus ankommt. Ich bin weder in rosige Verhältnisse geboren worden, noch bin ich mit beiden Elternteilen aufgewachsen. Meine Mutter war alleinerziehend – was schon immer ein Armutsrisiko für Frauen darstellte. Heute wie auch vor 30 Jahren. Zudem stamme ich aus einem reinen Arbeitermilieu. Großeltern, Erzeuger – alles keine Akademiker. Meine Mutter selbst gar ohne Schulabschluss und ungelernt.

Nach der Scheidung meiner Eltern, drei Jahre nach meiner Geburt, lebte ich folglich bei meiner Mutter. Mein Erzeuger hingegen zahlte weder Unterhalt für mich, noch gab es bis heute nennenswerten Kontakt außerhalb von anwaltlichen Schreiben zu ihm. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Meine Mutter hatte ab da wechselnde Beziehungen zu Männern. Toxischen Männern. Suchtkranken Männern. Gewalttätigen Männern. Überall ich mittendrin. Meine Kindheit war geprägt davon zuzusehen, wie meiner Mutter Gewalt angetan wurde. Zwischendrin ein Aufenthalt im Frauenhaus, weil die Gefährdung so akut war, und von dort direkt in die nächste toxische Beziehung, in der die Gewalt nur mehr eskalierte, lebensbedrohliche Maße annahm und ein Auszug aus der gemeinsamen Wohnung nur noch unter Polizeischutz möglich war.

Aber damit endete die Gewalt nicht. Meine Mutter hatte bereits im Frauenhaus damit angefangen, ebenfalls Gewalt auszuüben, sie weiterzugeben an mich. Sowohl mit Fäusten als auch mit Worten. Ich war 7 Jahre alt und die Hälfte meines Lebens hatte ich bereits nichts anderes als Gewalt kennengelernt. Die nächsten 10 Jahre sollte sich das auch nicht ändern.

Trotz allem schaffte ich es als erstes Kind in der Familie auf ein Gymnasium. Mein Grundschulzeugnis bestand nur aus Einsen, beim Kinder- und Jugendpsychiater wurde eine Hochbegabung festgestellt. Damals in einem Bereich, bei dem man meiner Mutter empfahl, mich auf ein Internat zu schicken. Unnötig zu sagen, dass das natürlich nicht passierte.

Die ersten Jahre auf dem Gymnasium liefen gut. Ich kam mit dem Stoff klar, hatte einen stabilen Freundeskreis. Wäre die Situation zu Hause nicht gewesen, die am Ende dafür sorgte, dass ich ziemlich passend zum Einsetzen der Pubertät auch meine ersten Depressionen bekam, die natürlich komplett von meiner Mutter ignoriert wurden.
Meine Schulnoten sackten mit jedem Halbjahr ab, bis ich selbst in meinem ehemals besten Fach – Mathematik – von einer Eins noch in Klasse Sechs auf eine Fünf im ersten Halbjahr der achten Klasse rutschte. Zusätzlich begann ich, mich selbst zu verletzen. Schwänzte die Schule, während meine Mutter arbeiten war, saß tagelang bei lauter Musik im dunklen Kleiderschrank, um mich vor der Welt zu verstecken. Ich war so verzweifelt, aber konnte das nach außen nur über oppositionelles Verhalten zeigen. Ich geriet mit Lehrer*innen aneinander, war das Paradebeispiel einer schwer erziehbaren, rebellischen Teenagerin. Bemitleidet wurde jedoch meine Mutter. Dafür, dass sie sich mit mir rumschlagen musste.

Nach einer Ehrenrunde in der 9. Klasse verließ ich schließlich das Gymnasium und besuchte die 10. Klasse auf der Realschule. In dieser Zeit stürzte ich noch weiter ab.
Mit 16 flüchtete ich mich auf der Suche nach Liebe selbst erstmals in eine toxische Partnerschaft – anderes hatte ich ja nie vorgelebt bekommen – zu einem sechs Jahre älteren Mann, der mich in der Beziehung vergewaltigte, würgte, schlug, hinterging und betrog. Ich musste auch die 10. Klasse nochmals wiederholen. Rauchte, trank, trennte mich mit 18 endlich von meinem Freund, stürzte mich in die nächste Beziehung, betrog meinen Freund, hatte unzählige One-Night-Stands, soff mich an den Wochenenden und teilweise auch in der Woche besinnungslos.
Meinen Abschluss schaffte ich dieses Mal, eine Ausbildung hatte ich aber nicht. Meine Mutter brachte mich irgendwie auf einer Höheren Handelsschule unter, auf der ich tatsächlich ganz akzeptable Noten in der 11. Klasse schrieb und nach Klasse 12 mein Fachabitur hätte machen können.

Aber auch hier hatte das Leben andere Pläne. Meine Mutter zwang mich zu einer Bewerbung für eine Ausbildung in ihrem Betrieb, damit ich „endlich“ arbeitete und auch Geld dazu verdiente. Am Ende verließ ich die Handelsschule also mit einem guten Zeugnis aus der 11. Klasse, aber ohne Abschluss, um eine Ausbildung zu machen, die ich nie wollte.

3 Monate später brach meine Kindheit und Jugend über mir zusammen.

Ich war gerade 20, als die erste Panikattacke kam. Ich war 20, als meine Mutter beschloss mich nochmal zu entwurzeln und mit mir 50km weit von meinem Zuhause wegzuziehen. Ich war 20, als meine Mutter sich mit den Möbeln für den neuen Wohnort übernahm und ich die kompletten Umzugskosten von meinem Ausbildungsgehalt und etwas Erspartem tragen musste. Ich war 20, als meine Mutter auf meine Kosten Schulden machte.

Ich war 21, als ich akut in die Psychiatrie eingewiesen werden musste und als ich die Schulden tilgen wollte, erfuhr, dass sämtliche Sparkonten, die ich mit 21 erhalten sollte, von meiner Mutter im Vorfeld geplündert worden waren.

Ich war 22 als ich meine Ausbildung mit Hängen und Würgen und viel zu vielen Fehlzeiten und Abmahnungen abschloss. Ich war 22, als ich selbst in Armut geriet.

Anfangs hatte ich noch große Hoffnungen. Ich zog mit meinem damaligen Freund zusammen – zurück in meine alte Heimat. Schrieb Bewerbungen, obwohl es mir psychisch noch immer nicht gut ging. Ich versuchte alles, um mein Leben jetzt ohne meine Mutter auf die Reihe zu bekommen. Aber keine Bewerbung trug Früchte. Es kamen nur Absagen und schließlich lief der ALG1-Bezug aus. HartzIV erhielt ich allerdings erstmal nicht, weil mein Freund zu viel verdiente.

Neben den Schulden meiner Mutter kamen zu diesem Zeitpunkt Bankschulden hinzu (ich war noch immer im Dispo, weil ich vor Jahren ja den Umzug hatte zahlen müssen) und mein damaliger Freund sah nicht ein, meine Krankenkassenbeiträge zu zahlen. Auch hier häuften sich dadurch Schulden an, die letztlich dazu führten, dass ich von 2011 bis 2017 keinen Versicherungsschutz hatte und nur in Notfällen Kosten von der Krankenkasse übernommen wurden.

Am Ende war es mein damaliger Partner leid mich durchzufüttern, weshalb er die Beziehung beendete und mich aus der gemeinsamen Wohnung warf. Zu meiner Mutter konnte und wollte ich nicht, mit meiner Oma verhielt es sich ähnlich. Ich hatte zu dem Zeitpunkt ohnehin kaum Kontakt zu meiner Familie – aus offensichtlichen Gründen.
Ich schlief also auf Sofas der wenigen Freunde, die ich damals noch hatte, und landete schließlich erneut in der Psychiatrie. Wieder akut. Wieder am Ende aller Kräfte. Und wieder mit Panikattacken.

Letztlich lernte ich dort meinen Mann kennen, mit dem ich dieses Jahr 10-jähriges Jubiläum feiere, davon sind wir 6 Jahre verheiratet. Mit dem ich einen wundervollen Sohn habe. So tief ich damals auch in der Scheiße steckte, ging es seitdem zumindest etwas bergauf.

Ich habe immer noch Depressionen. Mittlerweile weiß ich, dass sie chronisch rezidivierend sind und ich sie wohl nie ganz loswerde. Ich weiß auch, dass ich eine kPTBS aufgrund all der erlebten Dinge aus meiner Kindheit habe, eine soziale Phobie, eine Angst- und Panikstörung und noch einen ganzen Rattenschwanz an kleineren und größeren psychischen wie physischen Problemen.

Heute weiß ich aber auch, dass nicht ich Schuld an meiner Armut bin, sondern dass ich eine typische Biografie für eine hohe Armutsgefährdung mitbringe. Dass ich an mir arbeite, schon viele Therapien gemacht habe und auch gerade wieder aktiv auf der Suche nach Hilfe bin. Dass ich mein Leben lang mit meiner Psyche zu tun haben werde, dass ich stetig und ständig werde an mir arbeiten müssen – und das ist okay. Ich bin noch hier, obwohl es oft nicht danach aussah.

Am Ende steht also noch immer die Frage: Warum bin ich in Armut geraten?

Die Antwort ist wohl: Weil ich denkbar schlechte Startvoraussetzungen hatte. Und immer dann, wenn ich Chancen hatte, fehlte eine helfende Hand, eine Person, die mir hätte zeigen können, dass nicht alle Menschen in meinem Umfeld schlecht sind. Es fehlte an Rückhalt und Möglichkeiten. Und heute fehlt es daher an Resilienz, an Selbstwertgefühl, an Vertrauen.
Aber entgegen aller Vorurteile, entgegen jeder Beschämung arbeite ich an mir. Täglich. Ich reflektiere mich und mein Verhalten. Ich erziehe ein Kind und versuche ihm all das mitzugeben, was mir niemand mit auf den Weg gegeben hat – Geborgenheit, Verständnis, Vertrauen, Liebe.

War das hier ein sehr persönlicher Text? – Ja, definitiv.

War er zu persönlich? – Vielleicht.Aber ich glaube, dass wir Armut und ihre Strukturen nicht wirklich begreifen, wenn wir uns nicht auch die Biografien der Menschen ansehen. Die strukturellen Probleme rund um den Arbeitsmarkt, den Niedriglohnsektor, die politischen Entscheidungen kann jeder im Internet finden. Dazu gibt es Texte und Studien in Hülle und Fülle.
Aber vielleicht wird Armut erst wirklich greifbar, erst erfassbar, wenn wir die Menschen dahinter sehen. Nicht die nackten Statistiken, nicht die bloßen Vorurteile, die durch Politik und Medien befeuert werden.
Wir sind mehr als unser Bescheid über Transferleistungsbezug. Wir sind mehr als eine Zahl in Armutsberichten. Wir sind Menschen. Mit einer Vergangenheit. Und wir hätten gern eine Zukunft.


Ar-Mut bezahlt alle Betroffenen für ihre Texte, nennt sich Aufwandsentschädigung und Wertschätzung. Aktuell gibts ein monatliches Budget von 240 Euro, bedeutet ca. 4-5 Texte pro Monat. Wer mithelfen möchte damit mehr Stimmen laut werden:

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Etwas mehr Biss bitte…

Armutsbetroffenen wird oft hinter vorgehaltener Hand vorgeworfen sie hätten zu wenig Biss, würden nicht genug Motivation zeigen. Ausgerechnet sie, die doch jede Anstrengung unternehmen müssten um endlich den Weg aus dem Leben am untersten Limit finden zu können, zeigen anscheinend nicht die gewünschte Power, denken zu wenig längerfristig, stecken zu wenig Energie in die Ideenfindung.

Doch was braucht es eigentlich um Dinge mit voller Motivation, mit Power, mit aller Anstrengung angehen zu können? Genau: es braucht Kraft, Und es braucht die Perspektive, man muss den Sinn dahinter sehen können. Doch wenn dein Leben tagein tagaus auf den reinen Existenzkampf ausgelegt ist, darauf, wie du die nächste Woche überstehst, daraus, Herzrasen zu bekommen beim Weg zum Postkasten – wie sollst du dann Kraft tanken? Wie sollst du Perspektiven finden, positiv denken und nicht resignieren wenn dein Leben aus einer Anhäufung von Stresssituationen ohne erwähnenswerte Momente der Entspannung, der Belohnung auf die man sich freuen könnte, besteht. Denn genau das braucht der Mensch um ständig neue Herausforderungen zu bewältigen – Belohnungen.

Spricht man das Thema an kommen sehr schnell Antworten und Ratschläge es gäbe genügend kostenlose Dinge zur Erholung. Spaziergänge im Wald, Kinderspielplätze, kostenlose Seen, Bücher aus der Bibliothek. Sei doch alles viel besser als die kostenintensiven Möglichkeiten! Dann frag ich mich aber weshalb es so viele Menschen in Anspruch nehmen. Sich einschränken zu müssen ist allen bewusst die aus den unterschiedlichsten Gründen in Armut geraten. Doch was zusätzlich belastet ist wenn dir abgesprochen wird, etwas Aufbauendes oder Erholendes zu vermissen. Du musst positiv denken, Existenzängste wegstecken, Perspektiven erkennen, darfst keinesfalls resignieren oder gar Depressionen bekommen. Denn dann ist es schon wieder mal deine alleinige Schuld. Du hast dich zu wenig bemüht!

Corona hätte uns eigentlich gut aufgezeigt wie belastend es ist, die Teilhabe einzuschränken oder keine sozialen Kontakte zu haben, wie sehr es die eigenen Grenzen der Belastbarkeit eingrenzt wenn dir die Möglichkeit fehlt, dich so zu verhalten und bewegen wie du es möchtest. Eingeschränkt zu werden hat in den letzten beiden Jahren vielen Menschen massiv zugesetzt. Keine Urlaube oder Thermenaufenthalte zur Entspannung, keine Treffen in Bars oder Cafés zum plaudern, keine Veranstaltungen. Dieses Gefühl des eingeschränkt seins und nicht genau wissen wann es endet hat alle ans Limit gebracht. Der große Unterschied: für alle Nichtbetroffenen endet es spätestens mit dem Ende der Pandemie. Für uns ändert sich selbst dann nichts, das Leben geht genauso weiter wie in den letzten beiden Jahren. Mit dem Unterschied – wir dürfen uns nicht darüber beklage, denn Dinge wie regelmäßige Auszeiten und Treffen oder Veranstaltungen seien doch nicht wichtig. Merkt ihr selbst wie anstrengend diese Doppelmoral ist?

Wir lassen es heute immer noch zu dass mit zweierlei Maßstäben bewertet wird. Obwohl längst bekannt ist dass Armut strukturell bedingt ist dürfen wir keine dieser „Belohnungen“ oder Auszeiten fordern, müssen motiviert sein, Perspektiven sehen und 100% geben. Das alles ohne wirklich Kraft tanken zu können. Maximal bei kostenlosen Tätigkeiten, mehr wird uns nicht zugestanden. Mir hat dieses nicht erholen können die Gesundheit ruiniert. Mein Adrenalinspiegel war dauerhaft erhöht und ich kann bis heute nicht einen Tag lang nichts tun. Denn „es steht mir nicht zu“. Ich habe es verinnerlicht immer alles geben zu müssen ohne das Recht auf Auszeiten zu haben, beantworte Nachrichten und Mails von morgens bis spätabends, von Montag bis Sonntag. Schreibe, recherchiere, organisiere und plane 7 Tage die Woche. Alles andere würde nur wieder zeigen ich hätte mich nicht genug angestrengt. Ein Treffen in einem Café ist maximal drin wenn es gleichzeitig um die Arbeit geht. Sonst nicht. Mir Auszeiten und Belohnungen zugestehen muss ich erst wieder lernen. Und es hat mich nicht erst einmal an den Rand der Belastbarkeit gebracht. So sollte es nicht sein! Mein einziges Glück ist eine Resilienz entwickelt zu haben während zu viele irgendwannn resignieren. Auf Dauer alles geben zu müssen ohne dem Gehirn Belohnungen gönnen zu können funktioniert nicht.

Wenn ihr das nächste Mal Betroffene danach bewertet sie seien nicht motiviert genug, hätten zu wenig Biss, überlegt euch bitte ob sie überhaupt noch die Kraft dazu haben.

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Alle haben die gleichen Chancen – tatsächlich?

Oder möchten wir uns das nur einreden um nicht mir sozialer Ungleichheit konfrontiert zu werden und uns selbst fragen zu müssen wie sehr unsere Wahrnehmung von der Realität abweicht?

Deine Kinder wachsen in einer Welt auf in der es normal ist, sich am Wochendende mit Schulkolleg*innen fürs Kino zu verabreden, Geburtstagseinladungen anzunehmen und Geschenke mitzubringen, Besuch zu haben oder mit euch eure Freund*innen zu besuchen, gemeinsam Ausflüge zu machen, soziale Kontakte zu pflegen oder auch Nachhilfe zu bekommen um die Schule zu schaffen.

Kinder in armutsbetroffenen Familien kennen all das nicht. Sie kennen aber eins zu gut: Verzicht. Auf Unternehmungen mit Klassenkolleg*innen verzichten, weil das Geld dafür fehlt, Geburtseinladungen absagen weil sie kein Geschenk mitbringen könnten, keine Besuche bei den Eltern von Freund*innen, da diese so gut wie keine sozialen Kontakte haben, und wenn, dann maximal mit selbst Armutsbetroffenen. Sie wachsen in einem Umfeld des Verzichts auf. Und bekommen dies dann oftmals als „Ausrede“ vorgeworfen. Denn es gäbe doch kostenlose Freizeitaktivitäten, man müsste die Freund*innen zu davon überzeugen und überhaupt wer will schafft alles. Auch die Schule. Natürlich gibt es jene, die den Weg raus schaffen, doch das sind die wenigsten.

Wenn du damit aufwächst dass fehlende Teilhabe normal ist, du überall liest dass eure Armut die alleinige Schuld deiner Eltern sei weil diese „zu wenig bemüht sind“ oder „niedrigqualifiziert“, wenn du nach der Pflichtschule die Ausbildung abbrichst weil du schulisch nicht mehr mithalten kannst, dringend Nachhilfe benötigst, diese jedoch nicht leistbar ist und du stattdessen immer wieder zu hören bekommst „wer will schafft das!“ – ja, dann ist der Weg in die Resignation vorgezeichnet.

Eine gute Ausbildung zu haben ist der Weg aus der Armut. Doch deine Antwort, Hilfe beim Lernen zu benötigen wird dann sehr schnell als Ausrede abgetan. Was unglaublich perfide ist, denn allein in Ö werden über 100 Millionen Euro für bezahlte Nachhilfe ausgegeben, über 17% der Schüler*innen nehmen also bezahlte Nachhilfe in Anspruch.

Kinder die in einem privilegierten Umfeld aufwachsen haben all diese Möglichkeiten auf Teilhabe und Unterstützung. Ihnen und ihren Eltern wird Nachhilfe auch nicht als Defizit vorgeworfen, im Gegenteil, sie gelten als besonders engagiert da sie ihre Ausbildung schaffen wollen. Und die Eltern werden gelobt dafür alles für die Bildung ihrer Kinder zu ermöglichen. Für unsere Kinder jedoch gilt: warum lernt ihr es nicht selbst, ihr müsst euch nur genug bemühen! Wer meint das ginge nicht sucht nur Ausreden! Und warum unterstützt ihr Eltern eure Kinder denn nicht beim lernen, ihr sollt sie gefälligst bis zur Matura hinauf begleiten können und ihnen alles beibringen. Lernt es selbst wenn ihr es nicht (mehr) könnt. Lustigerweise wird immer davon ausgegangen dass Armutsbetroffenen alle Zeit der Welt haben um ihren Kindern die Nachhilfe zu ersetzen und dass sie so nebenbei sämtlichen Unterrichtsstoff beherrschen.

Das ist nur eins von vielen Beispielen wie massiv unterschieden wird und zeigt ganz gut wie Beschämung funktioniert. Es zeigt wie sich soziale Ungleichheit und die unterschiedlichen Wahrnehmung auf den Alltag von Betroffenen auswirken, nicht nur auf die Chancen und Möglichkeiten sondern es zeigt auch den Vorbehalt darüber auf, wie viel mehr Armutsbetroffene ohne Unterstützung bewältigen müssen.

Zeit für ein Danke

2021 ist bald vorbei und ich kann, trotz der Pandemie und massig verschobenen Veranstaltungen auf ein unglaublich erfolgreiches Jahr zurückblicken. Erfolgreich im Sinne von „es hat sich viel getan“ und nicht in dem Sinne wie es viele interpretieren würden mit „gut verdient“.

2021 war das erste Jahr in dem ich zum ersten Mal für Projekte, Thinktanks, PKs, Vorträgen und Arbeitsgruppen angefragt wurde weil ich als Armutsbetroffene endlich ernstgenommen wurde. Nicht nur als die die offen ihre Geschichte zur Schau stellt. Nein, sondern als die die Expertise hat. Die weiß was im Alltag fehlt, was es braucht und was dringend notwendig wäre. Und genau dieses ernstgenommen werden ist so viel wert.

2021 war auch das Jahr in dem ich die Laudatio für den Journalistenpreis von unten halten durfte, in dem ich bei Worshops zu Teilhabe dabei sein konnte, in dem ich mit verschiedensten Firmen via Zoom über Armut und Sensibilisierung reden durfte. Firmen, die ihre Social Responsibility ernst nehmen. Das Jahr in dem ich Teil vom Volksbegehren https://www.arbeitslosengeld-rauf.at/ wurde, und das Jahr in dem nach 18 Monaten Vorarbeit die Stiftung https://gemeinwohlstiftung.at/fonds/ ihre Arbeit beginnen konnte und ich Teil dieser Stiftung sein darf. Das Jahr in dem ich gefragt wurde wie Verantstaltungen Teilhabe verbessern könnten.

2021 war auch das Jahr das mir gezeigt hat, wie sehr Kontakte Armutsbetroffenen fehlen. Nur dank vieler Kontakte konnte ich manche Hilfen organisieren, spontan, durfte zum ersten Mal im Leben den Jedermann live erleben, wurde für Interviews angefragt und werde mehr und mehr von Medien gefragt ihre Artikel auf armutssensible Sprache zu korrigieren.

2021 war das Jahr das mir trotz Corona gezeigt hat wie viel sich in Sachen Armut und Beschämung bewegt. Wie nach und nach Betroffene lauter werden, vor allem auf Twitter. Es ist so wundervoll zu beobachten wenn Menschen, die lange nur mitgelesen haben nun den Mut fassen, selbst über ihren Alltag zu berichten und sich gegen Vorurteile und Silencing zu wehren.

2021 war für mich vor drei Jahren undenkbar. Da war ich unsicher, war überzeugt unsere Armut sei unsere eigene Schuld. Wer will schafft doch alles oder? Bis 2018 war ich dank Vorurteilen wie dieser, die ich selbst übernommen hatte, zurückgezogen. War dank der Beschämungen, die Armutsbetroffene tagtäglich erleben, der Meinung, ich würde mich zuwenig bemühen. Martin Schenk von der https://www.armutskonferenz.at sagte mal „Beschämung ist eine mächtige soziale Waffe“. Und nichts beschreibt den Zustand der Beschämung besser als das.

2021 war nicht alles schlecht. Und das Positive daraus wünsche ich allen! Uns allen ein wenig mehr über den Tellerrand blicken, uns allen mehr Einblick in die Welt der anderen, in die Vorurteile aber auch in die Unsicherheiten.

2021 sollte es viel öfter geben. Ohne Pandemie halt. Ah – und übrigens – lasst euch impfen und halten wir noch eine zeitlang durch. Für uns alle!

Eure Frau Sonnenschein

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Zwischen Resilienz und Resignation

Ob ich mich hin und wieder frage wie unser Leben verlaufen wäre hätten wir in verschiedenen Situationen anders reagiert? Jeden einzelnen Tag! Jeden verdammten Tag im Jahr!

Mit den Kindern, die in der Stadt aufgewachsen sind, dort all ihre Freund*innen hatten, aus finanziellen Gründen mitten aufs Land zu ziehen, aufs tiefste Land, sie aus ihrer gewohnten Umgebung rausreissen weil die Miete nicht mehr stemmbar war – heute würde ich es vermeiden. Und mich nicht mehr bei all den Stellen bei denen wir um Hilfe bei der Suche nach Lösungen gefragt hatten, abwimmeln lassen. Heute würde ich laut sein und mich dagegen stemmen bis etwas leistbares in der Umgebung gefunden wäre. Damals ließ ich das zu. Dachte, gut, ok, viele ziehen aufs Land, das schaffen wir auch. Was für ein Trugschluß. Als Armutsbetroffene in ein Dorf voller Familien zu ziehen, die es quasi geschafft hatten, die in ihren schicken Einfamilienhäusern lebten, dort eine feuchte, fast nicht heizbare Mietwohnung zu beziehen, hat meiner Familie den Stempel der sichtbaren Armut aufgedrückt. So lebt man doch nur wenn man nicht fleißig genug ist, oder nicht mit Geld umgehen kann – das wurde nicht nur hinter unserem Rücken geredet sondern direkt vor uns. Wie schwer es den Kindern fiel dort Freundschaften zu knüpfen könnt ihr euch vorstellen. Das nagt bis heute an ihnen. Ausgelacht zu werden weil man kein neues, tolles Auto hat sondern eine alte Rostlaube, weil man als 6köpfige Familie nur ein viel zu kleines Auto hat und nicht mal gemeinsam wo hinfahren kann während bei allen dort 2 Autos der Standard waren. Ausgeschlossen werden weil an den Wochenenden kein Kinobesuch leistbar war während die anderen aus dem Dorf sich immer wieder dafür verabredeten. Bis heute fällt es meine Kids schwer Freundschaften zu haben, zu groß ist die Verunsicherung.

Aber es kommt doch nicht auf Äußerlichkeiten an bekomm ich immer wieder zu hören. Sollte es nicht. Ist aber leider so. Unsere Gesellschaft lebt davon auf Äußerlichkeiten zu achten. Ich hätte damals bei der Wohnungssuche nicht so schnell resignieren sollen und versuchen die Kinder in ihrem gewohnten Umfeld aufwachsen zu lassen. Hätte. Hab ich nicht. Daran werd ich jeden einzelnen Tag erinnert!


Während früher in unserer Stadtwohnung ein tägliches Kommen und Gehen war, es keinen Tag ohne Besuche von Freund*innen, Nachbar*innen und deren Kinder gab, hat sich das am Land auf Null reduziert. Dieses Gefühl immer von oben herab betrachtet zu werden – damit konnte ich nicht umgehen. Dazu kam immer öfter und immer stärker Beschämungen zu erfahren. Sei es durchs Umfeld, wenn du bei Ausflügen absagen musst weil das Geld dafür fehlt, weil du bei Gartengrillereien nicht mitmachen kannst weil jeder mti einkaufen muss und dein Wochenbudget das nicht hergibt. Sei es durch Behörden (warum arbeitet ihr Mann auch als freier Dienstnehmer, selbst schuld, er soll sich was anderes suchen, dann haben Sie Chance auf Zuschüsse – ja ,sehr toll auch wenn dein Mann nach zwei Burnouts ohne großartige Therapien, weil der Selbstbehalt nicht leistbar war, froh ist überhaupt noch arbeiten zu können. Wenn dir dann gesagt wird er soll sich doch arbeitslos melden, du erklärst dass ihn Arbeitslosigkeit endgültigt ruinieren würde, und die Antwort ist: dann wollt ihr keine Lösungen sondern bewusst weiter jammern). Oder sei es dass du eine Arbeit annimmst, die nicht angemeldet ist. Weil dein Vermieter weiß dass du in Armut lebst, dass du Rückstände bei der Betriebskostennachzahlung hast, und dich vor die Wahl stellt entweder du hilfst bei ihm im Haushalt oder er kündigt euch die Wohnung. Weil er weiß dass es in der Umgebung keinen Job gibt der mit den Kigazeiten vereinbar ist. Und du also unangemeldet für ihn arbeitest, dir sexistische Witze anhören darfst, deinen Rest an Würde verlierst, nur um die Wohnung nicht zu verlieren.

Wozu das alles geführt hat? Rückzug. Vermeiden Menschen zu begegnen. Vermeiden mit anderen reden zu müssen. Angst, wieder rechtfertigen zu müssen. Verlust des letzten Funken Selbstwerts. Verfolgt mich das bis heute? Jeden verdammten Tag. Würde es mir heute nochmal passieren? Nein. Warum? Weil es heute Menschen gibt die mir zuhören, die mir sagen würden hey, das ist nicht in Ordnung, das läuft gewaltig schief und dagegen kannst du dich wehren. Weil ich heute Kontakte habe die helfen würden mich zu wehren. All das hatte ich nicht. Was hilft es dir zu wissen dass du gegen vieles angehen könntest wenn du Angst hast, aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen die Kündigung der Wohnung bekommst. WAs hilft es dir in dem Moment solange du keine Chance auf Alternativen hast? Kontakte und viel Wissen haben damals gefehlt.

Damals hat die Resignation über mich bestimmt. Es war dann eine beschämende, erniedrigende Aussage, noch dazu vor meinen Kindern, die aus purer Resignation Wut gemacht hat. Und den Weg in die Öffentlichkeit. Und den Beginn des Weges raus aus der Isolation, der Beschämung, der Beginn eine Resilienz zu entwickeln. Oft höre ich heute ich hätte halt anders reagieren sollen, mich mehr wehren. Genau das bekommen viele Betroffene zu hören. Wer nie wirklich in diesen Situationen war, wer immer ein Umfeld hatte, Kontakte die helfen, stärken und aufbauen, kann nicht nachempfinden dass dieses sich wehren einfach nicht mehr möglich ist. Es wäre so wichtig. Doch es geht nur wenn man nicht alleine ist.

Armut zu verhindern bedeutet nicht nur die finanzielle Seite zu betrachten sondern so vieles mitdenken. Es reicht nicht sich hinzustellen und sagen Betroffenen bekommen nun xy als Zuschuss fürs heizen. So werden wir Armut nie nachhaltig bekämpfen. Sie ist so viel mehr, sie ist zwar strukturell bedingt doch individuell so verschieden. Und genau darauf müssen wir eingehen wenn wir Armut verringern wollen. Nicht „was könnten Betroffene leisten um der Armut zu entkommen, welche Zumutbarkeitsbestimmungen könnte man verschärfen, welche Kürzungen würden Anreize schaffen“ hilft, sondern: was braucht es um Betroffenen Perspektiven zeigen zu können! Denn solange Armut dich in die Enge treibt, dir jegliche Wahlmöglichkeiten nimmt, dir Angst macht, dich resignieren lässt, zeigt dass wir Armut nur oberflächlich behandeln. Denn eins gilt nach wie vor: wagst du es als Armutsbetroffene zu irgendeinem Ratschlag, der noch so unmöglich ist, oder zu Hilfe, die übergriffig ist, nein zu sagen hat das Konsequenzen für dich. Denn dann willst du doch keine Lösung finden! Würde zu behalten wird uns nur selten zugestanden. Und das lässt viele Betroffene resignieren. Das muss endlich aufhören!


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So genau will es doch niemand wissen…

Warum so viele Menschen auf des Thema Armut mit beschämenden, herabwürdigenden Kommentaren reagieren werde ich in letzter Zeit des öfteren gefragt. Woher diese Abwertungen, die Versuche, Betroffene zu silencen kommen würden. Im Grunde genommen ist es ganz einfach: man will die Wahrheit nicht sehen! Man will nicht sehen dass Armut nicht das ist was uns in gescripteten Trash-TV Formaten vorgespielt wird, will nicht sehen dass vor allem die Stereotypen vor den Vorhang geholt werden damit sich die vorurteilsvollen Bilder über uns verfestigen. Denn was wäre der Umkehrschluss? Exakt! Dass Armut nichts damit zu tun hat zu faul, zu wenig bemüht zu sein, das es nicht darum geht als „fleißige Leistungsträger*innen“ doch niemals in diese Situation geraten zu können. Man würde sehen dass sie strukturell bedingt ist. Man müsste anerkennen dass Armut von so viel mehr Faktoren abhängig ist als nur vom bemüht sein. Gesundheit, Vereinbarkeit, Möglichkeiten, die genutzt werden können…das macht Angst!

Würden sich sämtliche Betroffene an die Öffentlichkeit wagen und aus ihrem Alltag erzählen, unsere Vorstellung von Armut wäre eine ganz andere. Jetzt haben wir aber das Problem das uns jahrelang diese gewissen Bilder über Armutsbetroffene eingetrichtert wurden. Und niemand möchte in diese Schublade gesteckt werde. „Ich bin nicht so wie die im Fernsehen, ich bemüh mich und trotzdem leb ich unter der Grenze“ – ist was ich zu oft zu hören bekomme. Genau deswegen bleiben viele lieber in der Anonymität und verstecken so gut es geht ihre Armut. Weil sie nicht nach diesem Schubladensystem bewertet werden möchten. Und weil sie sich dann eben nicht den Vorurteilen und Beschämungen aussetzen möchte. Somit dreht sich alles im Kreis. Solange die meisten lieber anonym bleiben, sich nicht „outen“ aus Angst vor diesen Schubladen, solange sehen wir nur die Bilder jener gescripteten Stereotypen. Oder die berühmten „die Nichte meines Nachbarn lebt aber auch ganz gut vom ALG/ vn HartzIV und will doch gar nicht arbeiten“. Und genau so lange bleibt das Narrativ über die „sind doch selbst schuld“ Betroffenen aufrecht.

Nur indem wir mehr und laut werden können wir diesen Kreis durchbrechen. Natürlich ist es nicht einfach sich hinzustellen und über die eigene Armut zu reden. Mit den Beschämungen und Vorwürfe umzugehen ist alles andere als einfach, aber mit Rückhalt machbar. Es gibt zum Glück immer mehr Menschen die sich solidarisieren, bei Bedarf mitkommentieren, den Rücken stärken und Beschämer*innen den Ausgang zeigen. Lasst es uns schaffen dass Armut kein Randthema mehr ist über das sich viele nicht drüberwagen, lasst es uns zu einem alltäglichen, dringlichen Thema werden lassen! Nur so können wir erreichen dass diese Schublade ausgemistet und neu gedacht wird! Betroffenen kostet es immens viel Kraft über ihre Situation zu sprechen und eigentlich wären vor allem Medien gefordert einen großen Part der Aufklärungsarbeit zu leisten. Doch gemeinsam und mit Unterstützung von solidarischen, achtsamen Menschen schaffen wir es mehr und mehr gehört zu werden. Davon bin ich überzeugt!

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Solidarität

ist ein schönes Wort, ein mächtiges Wort. Eins, das aber auch etwas vorspielt das es so bei uns nicht, oder nur bei wenigen unvoreingenommen gibt. Gleich obs um Armut oder impfen geht, um Teilhabe oder Maßnahmen – die Bevölkerung zu Solidarität aufrufen klingt zwar nett, ist aber ein Ruf, der in den Tiefen der österreichischen Wälder verhallt.

Warum ich nichts davon halte auf solidarisches Verhalten zu pochen? Weil uns die letzten Monate zu gut verdeutlicht haben dass der Zenit an jenen, die aus Achtsamkeit anderen gegenüber impfen gehen, weit überschritten ist. Diese waren unter den ersten. Wer jetzt geht macht es definitiv nicht weil man auf vulnerable Gruppen achtet oder sich bewusst ist andere zu gefährden. Man geht impfen weil die Einschränkungen nervig werden, weil das eigenen Handlungsfeld eingeschränkt ist. Und bitte nicht falsch verstehen, auch diese Gründe sind ok, solange es beiträgt langsam wieder aus dieser Pandemie zu kommen.

Solidarität hat funktioniert als es um die Großelterngeneration ging. Darum, sie zu schützen. Wer möchte schon mit dem Gedanken leben müssen die eigenen Großeltern angesteckt zu haben? Wobei – auch das war weniger aus Solidarität sondern um das eigene Gewissen zu beruhigen. Genauso läuft doch auch diese angebliche Solidarität wenns um Armut geht. Bei Schicksalschlägen wird schnell und gern geholfen. Aber bitte nur dann wenn die Betroffenen eine vorzeigbare Familie sind. Also im besten Fall Vater, Mutter, 2 Kinder. Er Vollzeitjob, sie Teilzeit um nachmittags voll in ihrer Mutterrolle aufzugehen und zwischen basteln, Elternverein, Fußballtraining und Musikunterricht zu switchen. Häuschen, 2 Leasingautos in der Garage. Wird diese Familie von einem Schicksalschlag getroffen lässt die Welle der Solidarität nicht lange auf sich warten. Wirklich aus Solidarität? Wohl eher aus dem Gedanken heraus, so könnte es uns auch treffen. Immer „fleißig“, immer brav. Um das eigene Gewissen zu beruhigen und um die Sicherheit zu haben das im Fall der Fälle auch für einen selbst Hilfe da ist wenn das Schicksal zuschlägt.

Wir haben uns jahrzehntelang antrainiert dass das Leben aus dem Einsatz von Ellbogen besteht, dass man sich selbst am nächsten ist. Wir haben verlernt was das Wort Solidarität bedeutet. Nämlich nicht sich nur dann solidarisch zu zeigen wenn es ins eigene Weltbild passt. Offen für die Hürden und Schwierigkeiten anderer zu sein, den Blick aus der eigenen Komfortzone raus zu wagen – das alles haben wir verloren. Und die Pandemie führt es uns leider deutlich vor Augen. Solidarität gibts nur dann solange sie ins eigene Weltbild passt. Vielleicht sollten wir diesen Begriff nicht mehr allzusehr strapazieren, denn mit jedem neuen Aufruf von Medien oder Parteien an die Solidarität verstärken wir damit die falsche Bedeutung von diesem Begriff. Solidarität sollte nicht mit Eigennutz verwechselt werden, doch genau das geschieht aktuell viel zu oft.

LG eure mehr als sonst nachdenkliche Frau Sonnenschein