Alle haben die gleichen Chancen – tatsächlich?

Oder möchten wir uns das nur einreden um nicht mir sozialer Ungleichheit konfrontiert zu werden und uns selbst fragen zu müssen wie sehr unsere Wahrnehmung von der Realität abweicht?

Deine Kinder wachsen in einer Welt auf in der es normal ist, sich am Wochendende mit Schulkolleg*innen fürs Kino zu verabreden, Geburtstagseinladungen anzunehmen und Geschenke mitzubringen, Besuch zu haben oder mit euch eure Freund*innen zu besuchen, gemeinsam Ausflüge zu machen, soziale Kontakte zu pflegen oder auch Nachhilfe zu bekommen um die Schule zu schaffen.

Kinder in armutsbetroffenen Familien kennen all das nicht. Sie kennen aber eins zu gut: Verzicht. Auf Unternehmungen mit Klassenkolleg*innen verzichten, weil das Geld dafür fehlt, Geburtseinladungen absagen weil sie kein Geschenk mitbringen könnten, keine Besuche bei den Eltern von Freund*innen, da diese so gut wie keine sozialen Kontakte haben, und wenn, dann maximal mit selbst Armutsbetroffenen. Sie wachsen in einem Umfeld des Verzichts auf. Und bekommen dies dann oftmals als „Ausrede“ vorgeworfen. Denn es gäbe doch kostenlose Freizeitaktivitäten, man müsste die Freund*innen zu davon überzeugen und überhaupt wer will schafft alles. Auch die Schule. Natürlich gibt es jene, die den Weg raus schaffen, doch das sind die wenigsten.

Wenn du damit aufwächst dass fehlende Teilhabe normal ist, du überall liest dass eure Armut die alleinige Schuld deiner Eltern sei weil diese „zu wenig bemüht sind“ oder „niedrigqualifiziert“, wenn du nach der Pflichtschule die Ausbildung abbrichst weil du schulisch nicht mehr mithalten kannst, dringend Nachhilfe benötigst, diese jedoch nicht leistbar ist und du stattdessen immer wieder zu hören bekommst „wer will schafft das!“ – ja, dann ist der Weg in die Resignation vorgezeichnet.

Eine gute Ausbildung zu haben ist der Weg aus der Armut. Doch deine Antwort, Hilfe beim Lernen zu benötigen wird dann sehr schnell als Ausrede abgetan. Was unglaublich perfide ist, denn allein in Ö werden über 100 Millionen Euro für bezahlte Nachhilfe ausgegeben, über 17% der Schüler*innen nehmen also bezahlte Nachhilfe in Anspruch.

Kinder die in einem privilegierten Umfeld aufwachsen haben all diese Möglichkeiten auf Teilhabe und Unterstützung. Ihnen und ihren Eltern wird Nachhilfe auch nicht als Defizit vorgeworfen, im Gegenteil, sie gelten als besonders engagiert da sie ihre Ausbildung schaffen wollen. Und die Eltern werden gelobt dafür alles für die Bildung ihrer Kinder zu ermöglichen. Für unsere Kinder jedoch gilt: warum lernt ihr es nicht selbst, ihr müsst euch nur genug bemühen! Wer meint das ginge nicht sucht nur Ausreden! Und warum unterstützt ihr Eltern eure Kinder denn nicht beim lernen, ihr sollt sie gefälligst bis zur Matura hinauf begleiten können und ihnen alles beibringen. Lernt es selbst wenn ihr es nicht (mehr) könnt. Lustigerweise wird immer davon ausgegangen dass Armutsbetroffenen alle Zeit der Welt haben um ihren Kindern die Nachhilfe zu ersetzen und dass sie so nebenbei sämtlichen Unterrichtsstoff beherrschen.

Das ist nur eins von vielen Beispielen wie massiv unterschieden wird und zeigt ganz gut wie Beschämung funktioniert. Es zeigt wie sich soziale Ungleichheit und die unterschiedlichen Wahrnehmung auf den Alltag von Betroffenen auswirken, nicht nur auf die Chancen und Möglichkeiten sondern es zeigt auch den Vorbehalt darüber auf, wie viel mehr Armutsbetroffene ohne Unterstützung bewältigen müssen.